Poetenbus

...ein bewegter und bewegender metophorisch fahrbarer Untersatz für die Schreiberlinge und ihr interessiertes Publikum. Die Haltestelle gibt den Themenkomplex vor zu dem motivierte Textverfasser in ihrer Form einen Wortbeitrag liefern.
---Achtung! Frisch Geschrieben!

02.08.2007, Thema: 'Sturm und Drang':

- Raserei (Christian Haps)
- Picasso (Christian Haps)
Raserei

Mein Schloss im Grünen
Ist voll von blauen Räumen,
In denen gelbe Wände
Von roten Zimmern träumen.

Der schwarze Saal
Ist ein türkises Zimmer,
Das braun zu streichen ich befahl,
So ward er weiss für immer.

Sitzen sie auch gut, die eleganten samt roten Stiefel? Hat er auch den echten, standesgemässen Schnitt, der hochgeschlossene Mantel, den er trägt? Es muss gut geschaut, gut kontrolliert werden, damit auch ja alles recht und ordentlich ist – denn sonst verdirbt es einem den Tag, und man könnte miesepetrig oder gar unleidlich werden.
Doch so nun alles an seinem Platze ist...lasset uns gehen! Lasset uns schreiten durch das grosse stolze Tor, das hineinführt in den herrlichen Thronsaal!
Gut anzuschauen ist er, auf das die Menge der Bewunderer etwas zu staunen und zu begaffen hat, wenn er eintritt, ihr Gebieter, ihr Herr und Meister – der Graf. Und aus tausend hellen Kehlen erklingen die Jubelrufe.
In der Mitte des Saales steht er jetzt, und wendet den Blick würdevoll in Richtung Spiegel, auf die edle Gestalt hin, die dort wohnhaftig ist – es ist der Gruss zu entrichten, darum geht es, deswegen sind wir hier.
Wie sie sich doch gleichen, die beiden Gestalten, und wie sie in holdem Einklang den Rumpf voreinander beugen – los, aufstellen, in wohlgeordneten Zweierreihen, und hurtig dabei es dem Herrscher nachzutun! Und stossen sie aneinander, die Köpfe, so waget nicht, zu klagen! Ist es doch, um einer grossen Sache zu huldigen.
Ob es heute wohl nach Plan verlaufen wird? Ob des Grafen Tollkühnheit und Mut genügend sind, die alten Regeln zu erfüllen? Es scheint, denn – oh, habt acht, der Herr beginnt sich zu bewegen, nimmt Anlauf, und jetzt läuft er gar, läuft, schnell wie der Wind, nur immerzu und direkt auf den Spiegel hin. Und mit einem Satz ist er hindurch, und ist gleichzeitig wieder da, fällt heraus und herein, wer kann sagen, was zuerst und was später war....und der Thronsaal kaskadiert, multipliziert, eskaliert in tolldreister Wahrhaftigkeit. Wo einer war, da sind jetzt viele, und sie alle sind bunt wie der Regenbogen. Im Lila sieht man in hinstürzen, nach dem grossen Satz, der wohl des Guten dann zuviel gewesen. Im Roten bleibt er stehen, antriebslos, was soll er auch – ist doch alles schon gewesen, was fort zu sein nicht allzusehr gebrach. Im Grün jedoch, da sieht man ihn noch immer --- stehen sieht man ihn in inniger Verbeugung, und wie erstarrt ist seine Zeit. Was sollen wir – wir können uns nicht halten, ihm gleichzutun ist eines Meisters Volkes Sinn und Zweck und auch sein Fluch. Zerstreut Euch, hechtet, rennt, und wehe dem, der dort noch steht wo man schon itzt ihn stehen sah.....nur die Türen durch, und in die Spiegel rein, vom Rot ins Blau, und vorher durch das Gelb. Im Gelb, da ist er selber grad, läuft kreuz und quer, grad wie es ihm beliebt. Er springt. Er rast. Um ihn herum rotiert die Welt. Und kommt er gar ins Grün, so packt ihn wieder neckische Begier – sieht dort sich selbst, erstarrt, den Hintern zugekehrt, und kann sich nun den Tritt nicht mehr verkneifen---sein Fuss trifft auf, der Fuss, den wir vor Hunderttausend Jahren in edle Stiefel gut verhüllten, der Fuss, den er jetzt schmerzhaft wohl im eigensten Gesässe spürt. Und da ists auch vorbei – die Räume schwinden, wo eben noch die Farben lichterbunt rotierten, ist jetzt nur schnöde Wirklichkeit. Wie Schade – benommen stöhnend liegt das Volk am Grunde, doch gut - es wahr ein herrlich schöner Schabernack.
Der Graf, von all dem nur und tief im weissnichwo berührt, er streicht sich seinen Mantel glatt, er richtet seinen Frack...und eilt von dannen, hin zu andern Orten...fort.

Picasso

Heute ist der dritte Tag meines Urlaubs, Freitag. Ich werde einer Empfehlung folgen - Prenzlauer Berg, Kastanienallee.
Ich merke, mittlerweile fängt die Sache an, zu funktionieren. Ich habe hier meinen eigenen Rhythmus entwickelt, abseits vom etablierten Sight-Seeing, das mich nicht interessiert. Ich hangele mich die Strassen entlang, mittags von Bistro zu Bistro, abends von Kneipe zu Kneipe. Es ist ein Leben, das mir gefällt - fühle mich sehr präsent und zur gleichen Zeit nicht vorhanden - ich weiss nicht mehr, was ich heute Morgen gemacht habe.
Ich schaue mir die Fassaden an, die Strasse, die Menschen - vor einer Kirche eine junge Frau, die einen Kinderwagen schiebt.
Mein Weg führt mich an einem Laden vorbei, eine Neueröffnung, ganz in grün. Ich schaue hinein und sehe junge, glückliche Gesichter, zusammen über eins dieser kleinen Labtops gebeugt, die man hier überall sieht. Ihre Profile, stolz und schön, sind einander zugewandt.
Ich möchte hineingehen und zu ihnen gehören, aber ich verstehe nicht einmal was sie dort verkaufen, in dem Laden. Nur was es nicht gibt, weiss ich, es steht draussen auf einem Schild: "Keine Kundentoiletten." Daneben entdecke ich noch ein Schild - "Coffee to go" steht drauf - kann das alles sein?
Ein anderer Laden, ein anderes Schild: "Bitte achten Sie auf Ihre Wertsachen - auch hier gibt es Taschendiebe" - gut, dass ich das weiss. An der gegenüberliegenden Wand ein Portrait - Popeyes Freundin überlebensgross auf einer Pappwand, in ihrer Hand ein Maschinengewehr - "Nieder mit dem Kapitalismus!".
Ich schaue mir die Menschen an, und denke: Irgendetwas verbindet Euch alle hier, macht Euch gleich, und diese Gleichheit versetzt Euch in eine nur für Euch verständliche Schwingung, lässt Euch vibrieren, und auf diese Weise erschafft Ihr Euren eigenen Flow.
Läden entstehen und verschwinden wieder, manche von ihnen so bizarr, dass es sich eigenlich nur um Traumgespinste handeln kann. Eilig aufgestellte Plattenkartons gleichberechtigt neben Designermöbeln - Markenkleidung hinter abbruchsreifer Rolladenfassafe.
Ich beobachte die Menschen, und merke, mir haftet ein Makel an, der Makel der Kleinstadt, könnte man sagen. Aber mir kommt ein anderes Wort in den Kopf: "Wohlbehütet".
Ich kehre zurück zu dem grünen Laden von vorhin - die Menschen mit ihrem Labtop sind verschwunden, der Laden liegt leer und verlassen vor mir. Vielleicht wird er morgen schon schliessen - und vielleicht wird es niemand bemerken.
Ich habe mir einen neuen Spruch überlegt: "Hallo, kannst Du mir sagen, woran der Held in meinem neuesten Text stirbt?" Der Text steckt griffbereit in meiner Tasche, falls ich ihn brauche.
Eine Frau spricht mich an, an der Ampel:
"He, hast Du 30 Cent für mich?" Ich schaue sie an, sage "Nein" und gehe weiter. In ihren Augen habe ich ein Leuchten gesehen, das so wild und stark war, dass es meine Seele verbrannt hätte, wenn ich sie berührt hätte. Ich gehe weiter und wundere mich einen Moment lang über mich selbst. Sie hätte alles von mir haben können - alles, aber keine 30 Cent?
Plötzlich bekomme ich Angst - die Dunkelheit ist hereingebrochen, die Masken fallen. Man wird jetzt merken, das ich nicht hierhergehöre. "Wohlbehütet" - Ich sollte machen, dass ich von hier verschwinde.
In der U-Bahn sitzt mir eine junge Frau gegenüber, sie schient nur aus ihren grosseb, leuchtend braunen Augen zu bestehen. Das, und das alte Kaugummi auf dem sie kaut. Natürliche Schönheit - Schönheit mit Resten abgeblätterter Farbe auf den Fingernägeln.
Ich betrachte mein eigenes Spiegelbild - meine Haare, bizarr geplättet von der Mütze, die ich den ganzen Tag getragen habe. Unglaublich, wie sehr man die wenigen Quadratzentimeter seines Gesichtes hassen kann.
Ich weiss, woran der Held in meiner Geschichte stirbt, ich habe sie ja selbst geschrieben - erstürzt sich zu Tode und stirbt den Tod eines Feiglings.

(einige Stunden später)

Kurz vor Ende des Konzerts verlasse ich das Lokal - es ist spät, und ich weiss nicht, wie lang die S-Bahn noch fährt. Durch das Fenster sehe ich noch einmal die Sängerin in ihrem scharzen Abendkleid, sie verbeugt sich vor dem Publikum. Schwach kann ich durch die Scheibe den Applaus hören.
Mein Weg zur Station führt mich zurück auf diese Strasse, eine andere, die, vor der man mich gewarnt hatte, und die mir bei Tageslicht so harmlos erschienen war - harmlos, aber interessant: Szenekneipen, Ramschläden - Subkultur.
Ich überdenke meinen Entschluss, jetzt schon nach Hause zu gehen - es ist Freitag Nacht, es wird schon irgendwie klappen.
Ich gehe also weiter, und dann sehe ich sie: Körper um Körper in einer langen Reihe, sauber abgemessene Parzellen im Raster der schon bekannten Kneipen und Läden. Aufgespritzt und abgeschnürt wirken sie eher wie Comicfiguren als wie lebendige weibliche Wesen - ihre Uniformität hat fast etwas militaristisches - ausgeschwärmte Dronen, Nachts auf Beutezug.
Unglaublich, das manche Männer auf so etwas stehen.
Ich passiere die erste von ihnen, schaue weg und es geht gut - nichts passiert, sie scheint mich nicht wahrzunehmen. Die zweite kommt auf mich zu, spricht mich an: "He, bleib doch mal stehen!" Und dann enttäuscht, in beinahe mädchenhaftem Ton: "Warum nicht?"
Ich gehe weiter, aber für einen Moment bin ich aus dem Konzept gebracht: Ich finde sie nett.
Ich suche nach einer Kneipe für ein letztes Bier, bin uinschlüssig und kann mich nicht entscheiden. Nach einer Weile gehe ich den gleichen Weg zurück, habe nichts gefunden - man kennt das.
Ich gehe zum zweiten Mal an ihr vorbei, sie erkennt mich wieder, und ruft: "Wieder nicht, Picasso?"
Ich sage nichts, aber fange an zu grübeln: Picasso? Mein Jackett, das bunte Streifenhemd, die Mütze - Ok, warum nicht, Picasso.
Kurze Zeit später kann ich die allgegenwärtigen "Hallo"s und "Huhu"s nicht mehr zählen - es stört mich, ich antworte auch nicht mehr. Ich schaue in die Gesichter der Frauen und finde sie alt und hässlich.
Ich weiss immer noch nicht, wo ich mein letztes Bier trinken möchte - einen Döner habe ich mittlerweile gegessen, um Zeit zu gewinnen.
Ich beschliesse, das hier zu beenden, ich will nach Hause. Ich setze mich in den nächstbesten Laden, bestelle ein Bier, trinke es nur halb aus. Es gefällt mir hier nicht, ich gehe wieder.
Auf dem Rückweg das gleiche Spiel:
"He, bleib doch mal stehen, wo willst Du denn noch hin so spät?" Ich bin zu müde, um mir eine gute Ausrede auszudenken. "Nach Hause" Ich weiss selber, wie schwach das klingt.
An der Treppe zur S-Bahn steht sie wieder, sie sieht mich an und sagt nur: "Ach, Picasso..."

Einige Zeit später, ich habe auf die S-Bahn warten müssen, beginne ich mich zu entspannen. Die Welt wird ruhiger, überschaubarer. Klein, handlich, greifbar.
Ich sehe mich selbst in der dunklen Fensterscheibe, und denke:
"Picasso?"
Picasso.

05.07.2007, Thema: 'Barock':

- Der Hofdichter (Ellen Bonte)
- Ex Comunio Sancto (Christian Haps)
- Louis XIV. (Christian Haps)

Ellen Bonte
Der Hofdichter

Friederich von Stunckrat- Harre war ein talentierter Schmierenkomödiant am Hofe des Fürsten de Misere, dem Liederlichen.
Seine Theaterstücke waren beliebt beim Volk und hatten ihn den Beinamen „unser Molière“ eingebracht. Tatsächlich konnte Friederich schreiben, was er wollte, die Massen und der Fürst, sie jubelten ihm zu.
Nur wenige jubelten nicht. Die Bekanntesten unter ihnen waren wohl die drei Adeligen Moralisten, La Fontaine, La Rochefort und La Tristesse, die am Fürstenhof hinter vorgehaltener Hand nur abfällig „LaLaLa“ genannt wurden.
Diese allerdings hatten sich ihrerseits für von Stunckrat- Harre das zynische Bonmot „der eingebildete dankte“ ausgedacht, und, wann immer sie Lobeshymnen über ihn hörten, gaben sie es zum Besten.
Unsere drei Moralisten waren bestens befreundet mit dem großen Komponisten Krach und nichts liebten sie mehr als mit ihm über den Kontrapunkt zu diskutieren.
Ach, was schimpften die vier über die leichte Unterhaltung im Schloße des Fürsten. Der Liederliche war bekannt für seine Feste und Tänze. Als einer der wenigen hatte er es geschafft, eine Einladung zum Hofe des Sonnenkönigs zu erhalten und beinahe erbittert versuchte er, die dort erlebten exquisiten Formen königlicher Dekadenz nachzueifern.
Krach, der Komponist, war immer öfter erbost über die permanenten Bitten des Fürsten, seine Genialität für die Hofbelustigung zu verschwenden. Er hatte sich immer weiter zurückgezogen und schrieb Fuge um Fuge aus reinem Trotz „allein um Gott zu erbauen“, wie er verkündete.
Krach und LaLaLa verband eine tiefe Liebe zur göttlichen Ordnung, die ihren menschlichen Ausdruck in der Moral fand. Es war also kein Wunder, dass ihnen die Werke von Stunckrat- Harre missfielen.
Nicht weniger erstaunlich war es, das Friederich seinerseits die vier Konsonanten, wie er sie nannte, hasste wie die Pest. Die vier Konsonanten nannte er sie, weil sie zwar die Grundpfeiler der Gesellschaft verkündeten, aber doch kein Wort zustande brachten, geschweige denn einen Satz, der erfreute. „FRTK“ war einer der besten Witze am Hofe und
„Eine moralische Gesellschaft ist eine Tote“ war der meist zitierte Satz aus einem seiner Stücke. So hurte, klaute und log Friederich, wo es möglich war. Und da die Hofgesellschaft sich amüsieren wollte und er der amüsanteste von allen war, war es ihm immer möglich.

„Mein Verbrechen ist der Humor“ wie Friederich gerade augenzwinkernd zu seiner neuen Geliebten sagte, während er verträumt ihren Busen streichelte, nicht ahnend, das dort, in seinen Armen hingegossen und schnurrend wie ein Kätzchen, sein Untergang lag.

Vergaß ich zu erwähnen, dass es sich bei dem Trio LaLaLa um zwei Männer des Hochadels und, hier liegt vielleicht für viele eine Überraschung verborgen, eine Frau des Landadels handelte?
La Tristesse, die Schöne von niederer Geburt, die ihre Schriftkunst durch ihren Sekretär tarnte. La Tristesse, die sich im Verborgenen hielt, während er, ihr Lakai, als der offizielle La Tristesse den Schein wahrte, am Hof herumstolzierte, in seiner schwarzen Kluft, dankbar für die erschlichene Gnade und bereit dafür den Spott zu ertragen, den seine bzw. ihre moralischen Historien und psychologischen Studien vom Fußvolk ernteten.

Heute aber war die wahre Verfasserin aber doch gedrungen, aus ihrem Schattenleben zu entfliehen und eine gewichtige Aufgabe zu übernehmen. Die Verwirklichung des Planes, den die drei Moralisten im stillen Kämmerlein beschlossen hatten. LALALA hatten es nämlich satt, den immer größeren Verlust an Einfluss hinzunehmen und daraufhin einen furchtbaren Entschluss gefasst, der auf folgender Annahme fußte: Wenn, so sagten sie sich, die Unmoral nur noch durch eine unmoralische Handlung zu stoppen sei, so wäre es das erste Gebot eines wahrhaft moralischen Menschen, diese Handlung zu unternehmen.

Und so lag nun also La Tristesse unter dem Decknamen Claudia von Roth zu Westerwellchen mitsamt ausgedachter Biografie, schmiegsam im Schoße von Stunckrat- Harres und tat als genösse sie seine Zuwendung
Dabei harrte sie nur auf eine günstige Gelegenheit das Giftpulver, dass in einem ihrer mächtigen Fingerringe verborgen war, unauffällig in das Weinglas von Friederich zu versenken. Was ihr auch sogleich gelingen sollte!
Ach und schrecklich war das Gejammer, als es am nächsten Morgen die Runde machte, dass Friederich von Stunckrat- Harre in der Nacht beim Liebesakt zu Tode gekommen war.
„So“, meldeten sich die LALALAs zu Wort, „ergeht es jedem, der sich der Lust statt der Vernunft ergibt. Seine Unmoral hat Friederich gemeuchelt“
Fürst de Misere war geschockt und für einen Moment erwägte er ernstlich auf die vier Konsonanten zu hören. Aber tat er es?
Nun, die Moral von der Geschichte ist die Moral von der Geschichte. Wir wissen wohl alle, was das heißt und so möge sich ein jeder diese Frage selber beantworten.


Christian Haps
Ex Comunio Sancto

23 November, Anno Domini 1673

Mit diesen Zeilen werde ich Zeugnis ablegen. Zeugnis von dem, was mir widerfährt in meiner Tätigkeit, meinem Heiligen Amt als Priester einer kleinen verschlafenen Gemeinde in Siebenbürgen. Denn ich nehme ihn ernst, meinen Auftrag: Das Volk von der Sünde abzuhalten, die abtrünnigen Lämmer zurückzuführen auf den rechten Weg Gottes.
Schon zu lange habe ich nur zugesehen, habe es geschehen lassen, dass die Welt um mich herum ihren verruchten Gang nimmt. Jetzt werde ich handeln.

24 November, Anno Domini 1673

Vor mir stehen sie, scheinheilige Lügner ausstaffiert in ihren eleganten Sonntagskleidern. Ich kann die Falschheit in ihren Gesichtern sehen, in jedem einzelnen von ihnen. Aber heute werde ich es ihnen zeigen. Ich werde eine Predigt halten, wie sie sie niemals vorher gehört haben.
Ich habe eben damit begonnen, mit ekstatischen Worten ein düsteres, beklemmendes Bild des Fegefeuers zu zeichnen, als ich sehe, dass sich die elegante Kopfbedeckung einiger älteren Damen in der ersten Bank um wenige Zentimeter angehoben hat – offensichtlich stehen ihnen die Haare zu Berge. Das ist gut. Ein erster Schritt, alles weitere wird sich ergeben.
Ich vollende mein Plädoyer gegen die Sünde im gleichen martialischen Stil, bekomme dabei selber ein wenig Angst. Abbruch.

27 November, Anno Domini 1673

Das Kirchenvolk strömt zur wöchentlichen Beichte. Vor mir sitzen sie, plötzlich verwandelt in reumütige Schäfchen, schwitzend im Halbdunkeln des Beichtstuhls. Ich höre Dinge, von denen mir übel wird, nehme mir vor, die nächste Beichte nicht mehr auf nüchternen Magen anzuhören.
Eine Frau, die ihr Kind schlägt. Eine andere, die ihren Ehegatten betrügt. Lange kann ich das hier nicht mehr aushalten.
Ein Schmied aus dem Dorf gesteht mir unter Tränen, er gehe heimlich der Trunksucht nach. Ich gebe ihm zehn Vaterunser auf und lasse ihn gehen – heute will ich nicht streng sein.
Nach Beendigung der Beichte ziehe ich mich mit dem Messwein in die Krypta zurück, ich muss nachdenken.

1 Dezember, Anno Domini 1673

Mir sind einige Dinge klar geworden. Ich weiss jetzt, das Worte nicht ausreichen werden, meine Schäfchen auf den rechten Weg zurückzuführen. Ich muss zu härteren Massnahmen greifen. Vor mir steht das Gefäss mit dem Weihrauch – in meiner Jugend bin ich selbst auf allerlei Abwegen gewandelt, Gott sei mir gnädig, und seitdem besitze ich Kenntnis über verschiedene bewusstseinserweiternde Substanzen. Auch die Substanzen selbst besitze ich, aufbewahrt in einem fest verschlossenen Schrein, dessen Schlüssel ich seit Jahrzehnten unter meinem Kopfkissen aufbewahre.
Während ich heute die Predigt halte, schwenke ich ihnen das heilige Gefäss entgegen, ich habe mit einer geringen Dosis begonnen. Aufmerksam beobachte ich die Veränderung in ihren Augen.

Nachtrag: Es scheint, dass ich vorsichtig sein muss. Einige Passagen meiner Predigt sind mir nicht mehr vollständig in Erinnerung, und das, an das ich mich erinnern kann, bereitet mir Sorgen. Offenbar habe ich selbst einen nicht unerheblichen Teil des Rauches abbekommen. Und offensichtlich vertrage ich nicht mehr die gleiche Menge, wie in meiner Jugend. Ich muss vorsichtig sein.

4 Dezember, Anno Domini 1673

Wieder die wöchentliche Beichte. Es kommen weniger Leute als sonst, irgendetwas stimmt nicht. Nach der Mittagspause beschliesse ich, das Weihrauchgefäss mit in den Beichtstuhl zu nehmen – die wenigen Leute, die erschienen sind, will ich nicht enttäuschen.

7 Dezember, Anno Domini 1673

Eine Predigt vor halb leeren Reihen. Dafür werde ich inbrünstiger in meinem Vortrag, diejenigen Gläubigen, die noch herbeigeeilt sind, meine Botschaft zu empfangen, sollen hören, was ich zu sagen habe.
Viel Weihrauch, die Sache beginnt Spass zu machen.

11 Dezember, Anno Domini 1673

Niemand ist zur Beichte erschienen. Während ich alleine mit meinem Weihrauchgefäss in meiner dunklen Kammer sitze, empfinde ich die Luft bald als etwas stickig. Wut erfasst mich. Ich fasse einen Plan.

12 Dezember, Anno Domini 1673, Nachts

Bin in die Backstube des Dorfbäckers eingedrungen. Erwarte für Morgen eine Lieferung frischer Hostien. Vorsichtig sträue ich ein feines, weisses Pulver in den Teig – dann entschwinde ich in der dunklen Nacht.

25 Dezember, Anno Domini 1673

Es ist Weihnachtsfest, die Kirche ist voll, heute müsst Ihr zu mir kommen, Ihr treulosen Verräter.
Aber da ist mein Plan, ich bereite die Mahlfeier vor. Wenn die Sünde nicht stirbt, geht der Sünder an ihr zugrunde, sagt man.
Ich bereite die Mahlfeier vor, nehme eine Hostie aus dem Kelch. Im letzten Moment erkenne ich den grauenhaften Fehler in meinem Plan – dann ist es zu spät. Bevor mir die Sinne schwinden, glaube ich noch, soetwas wie hämische Erleichterung auf Euren Gesichtern zu erkennen – ihr Schweine...

Louis XIV.

Wer ich bin?
Ich bin Louis XIV., König von Frankreich.
Ich führe und lenke das französische Volk.
Und den Staat. Aber was heisst das schon – der Staat.
Der Staat, das bin ich.

Wenn ich morgens aufwache,
habe ich eine Heerschar von Dienern,
die sich um mein Wohlergehen kümmern.
Wie es ihnen geht, dem einfachen Volk?
Wen interessiert das?

Ich bin es, der wichtig ist, ich allein.
Es sind prunkvolle Kleider, die ich trage.
Meine Mahlzeiten bestehen aus erlesensten Speisen.
Ich nehme sie ein – allein.

Den ich bin einzigartig,
niemand ist würdig teilzuhaben
an meinem Mal.

Ich speise allein,
dann beginne ich mit den Regierungsgeschäften.
Ich bin es, der entscheidet,
was wichtig ist,
was Recht und Gerechtigkeit ist,
wer Leben darf
und wer stirbt.

Ich entscheide
allein.
Mein goldener Thronsaal
ist nur für mich.
Niemand
darf sich dort aufhalten.
Am Abend,
nachdem ich meine Geschäfte getätigt habe,
die Welt regiert habe.
Sitze ich dort.
In meinem Thronsaal.
Allein.
Der Staat? Der Staat, das bin ich.

“Mutti, wer ist der Mann da auf dem Sockel?”
“Das da? Kind, wo Du wieder hinschaust. Ich glaube, das war so ein alter König, Louis XIV.. König von Frankreich, glaube ich.”
“Ein König?”
“Ja, mein Schatz, früher mal. Aber lass uns jetzt weiter gehen – es ist ja nur eine alte Statur.”

14.06.2007, Thema: 'Mittelalter':

- Elfenzauber (Christian Haps)
Elfenzauber

Des Nachts in Mondlicht's gold'nem Schein
Schreit' ich mit meinem Stahl zum Berge.
Es muss ein starker Zauber sein,
Mit dem ich meine Waffe stärke!

Die Stunde der verwunsch'nen Elfe
Wird mir zu Diensten sein in dieser Nacht,
Dass sie gehorsam mir verhelfe
Zu Stärke, Tapferkeit und Macht!

Bald wird es soweit sein – es ist bewölkt und regnet in Strömen, trotzdem kann ich sehen, dass der Vollmond kurz vor seinem Zenit steht. Eine, vielleicht zwei Stunden – es ist Zeit, dass ich mich auf den Weg mache.
Vorsichtig stehle ich mich aus dem Holzschuppen, in dem ich mich den Tag über versteckt gehalten habe. Was wohl geschehen würde, wenn man mich entdeckt? Denn der Meister ist streng, und ich darf nach Einbruch der Dämmerung nicht mehr vom Haus fort sein. Wenn die Sonne untergeht, muss ich mich dorthin zurückziehen, in meine kleine Kammer unter dem Dach, und warten, bis man mir mein altes Stück Brot und meinen Becher abgestandenen Wassers hereinbringt – mein Abendessen, und ich muss noch Dankbarkeit dafür zeigen, dass ich es bekomme.
Ich weiss, dass die anderen Knechte hinter meinem Rücken über mich lachen – ich höre sie, oft sitze ich in einem Busch oder hinter einer Hecke und lausche. Und oft genug lachen sie mir auch direkt ins Gesicht. Über meinen Fuss, den ich seit meiner Geburt hinter mir her schleife, und über mein entstelltes Gesicht. Ich kann froh sein, sagen sie, dass ich überhaupt eine Anstellung gefunden habe, einen Meister, für den ich arbeiten darf, und der mir ein Dach über dem Kopf gibt.
Sie lachen auch über meine Herkunft, darüber, dass ich ein Kind ohne Vater bin, und dass meine Mutter eine Hure sei - das Gerede über meine Mutter ist das, was mich am meisten schmerzt. Ein nichtsnutziges Luder, sagen sie – eine, bei der es gut ist, dass sie so früh gestorben ist. Nur dass sie vor ihrem Tod noch ein Kind in die Welt gesetzt hat, das hätte nicht sein müssen.
Die Kammer, in der ich wohne, ist so dunkel – es ist nur ein kleines, ganz kleines Fenster, durch das Licht hineindringt. Manchmal, wenn ich eingesperrt bin, verrenke ich mir den Kopf, bei dem Versuch, nach draussen auf die Strasse zu schauen – solange, bis ich die Schmerzen nicht mehr ertragen kann. Aber ich möchte doch die Menschen sehen, die anderen, freien Menschen, draussen im Sonnenschein. Es gibt auch Tage, an denen ich nach der Arbeit hinaus darf, aber es sind nur wenige – denn der Meister ist jähzornig, und ich bin nicht geschickt bei meiner Arbeit. Erst gestern habe ich ein schönes, neues, glänzendes Hufeisen zerschlagen – sagt er, ich selber weiss nichts davon. Ich habe gesehen, wie ein anderer Knecht es behauen hat, viel zu früh, als es noch nicht heiss und rotglühend war, wie der Meister es wünscht. Heute also hätte ich wieder eingesperrt werden sollen, aber ich habe mich versteckt – denn ich habe einen Plan, heute ist Vollmond, und ich werde nicht mehr länger warten.
Ich habe es schon so lange nicht mehr gewagt, dem Meister zu widersprechen, dass er nicht immer kontrolliert, ob ich wirklich in mein Gefängnis gehe. Früher habe ich mich oft dagegen gewehrt, war verzweifelt und wütend, aber der Meister ist brutal, und ich habe mich in mein Schicksal ergeben. Aber nur für die Augen der anderen – ich habe einen Plan, von dem keiner weiss.
Ich habe jetzt die Scheune verlassen, niemand hat mich bemerkt, denn ich war leise und sehr vorsichtig. Aber der gefährlichste Teil meines Vorhabens steht mir noch bevor: ich muss hinein in die Schmiede, muss das Eisen holen, das ich im Verlauf vieler Wochen heimlich angefertigt habe – in den wenigen, kurzen Momenten, in denen der Meister mich unbeaufsichtigt gelassen hat. Gestern habe ich es fertiggestellt, die Gelegenheit war günstig: ein reicher Händler hatte um die Hand der Tochter des Meisters angehalten, und man hatte gefeiert. Der Wein war in Strömen geflossen, und am Schluss hatten sie alle benebelt am Boden gelegen und ihren Rausch ausgeschlafen. Ich war als einziger wach geblieben – und konnte so endlich den letzten, den kompliziertesten Arbeitsschritt ausführen, und mein Eisen mit der schützenden Legierung überziehen, die sonst nur für die luxuriösen Feuerhaken bestimmt war, die reiche Gutsbesitzer manchmal orderten.
Hinter einem losen Brett habe ich es versteckt – und jede Nacht gebetet, dass es niemand entdeckt. Das Brett nehme ich geräuschlos beiseite – ich habe keine Eile, noch ist Zeit. Ich wickle das Eisen in ein altes Tuch und lege es mir über die linke Schulter – es ist schwer, aber ich bin stark, es wird keine Schwierigkeiten geben. Vielleicht werde ich es auf dem langen Weg den Berg hinauf das eine oder andere Mal absetzten müssen, aber das macht nichts. Wenn ich das Dorf einmal verlassen habe, bin ich in Sicherheit.
Und dann wird auch das Gerede über meine Mutter verstummen, ich werde dafür Sorgen. Ich werde dafür sorgen, dass ihr bestraft werdet, ihr alle, die ihr sie als Flittchen, als Hure und sogar als Hexe beschimpft habt. Eure gerechte Strafe - dabei weiss nur ich allein, dass ihr mit einem Teil Eurer Schmähungen der Wahrheit viel näher kommt, als ihr Euch jemals zu träumen wagen würdet.
Hexe – was ihr Euch nur darunter vorstellt? Ihr, mit euren kleinen, wohlgeordneten Leben, brave, anständige Bürger, die nie die wichtigsten Dinge entbehren mussten: Eine Familie, ein eigenes Heim, Respekt, Freunde, und einen Dummen, auf den ihr Spucken könnt.
Ich habe von meiner Mutter Dinge gehört, die Euch die Haare zu Berge stehen lassen würden. Ich war noch klein und habe vieles wieder vergessen, nur eines einzelnen Zaubers erinnere ich mich – auf ihrem Sterbebett hat sie ihn mir aufgesagt, bevor sie in der schmutzigen Waldhöhle, in der sie hausen musste, ihr Leben aushauchte.
Ich habe jetzt den Dorfrand erreicht, es regnet noch immer, aber das stört mich nicht. Im Gegenteil, es hilft, meine Spuren zu verwischen – doch wenn mein Plan gelingt, wird das egal sein. Wenn alles so wird, wie ich hoffe, werde ich keine Angst mehr vor Euch haben müssen.
Der Weg hoch zum Berg verläuft in steilen Serpentinen – auf halbem Wege muss ich mein Bündel absetzen, meine Schultern schmerzen zu sehr. Ich werfe einen Blick auf das Dorf – es sieht so klein aus von hier oben. Eine lächerliche handvoll windschiefer Hütten, nur zwei oder drei richtige Häuser – eins davon gehört dem Kaufmann, dem seit Gestern die Tochter des Meisters versprochen ist.
Wie verhasst ihr mir alle seid – alle, die kleinen Dorfjungen, die sich immer einen Spass daraus gemacht haben, mich mit Steinen zu bewerfen, die älteren Burschen, die über mich gelacht haben, die Mädchen, die ihren Blick erschreckt und angewidert abgewand haben, wenn sie zufällig auf der Strasse den meinen gekreuzt haben - wenn ich sie auch nur eine Sekunde zu lange angesehen habe.
Der Mond ist jetzt aus den Wolken hervorgebrochen – das ist gut, ich brauche sein Licht. Ich habe das Plateau erreicht, dass den Gipfel des Berges bildet – eine freie Fläche, nur in der Mitte liegt ein Felsbrocken, etwa hüfthoch und oben abgeplattet. Ein Altar, ein Ort mit einer starken Magie, die nur ich allein zu nutzen weiss.
Ich spüre jetzt, die Zeit ist gekommen. Ich fühle eine innere Spannung, die grösser ist, als ich selbst. Ich habe mein Eisen auf den Altar gelegt, so, wie meine Mutter es mir erklärt hat.
Ich glaube, zuerst werde ich meinen Meister besuchen. Der Meister ist mächtig, aber ich werde keine Angst mehr haben. Dann die anderen Knechte, und danach...ich glaube, es wird egal sein, wer mir über den Weg läuft, es wird eine zeitlang dauern, bis mein Hunger nach Rache gestillt ist. Auch den Kaufmann, der mir meine Geliebte stehlen will, werde ich nicht vergessen. Und dann wird sie mir in die Arme sinken und wird mir zu Willen sein, nur mir....
Ich hebe die Hände zum Himmel empor, mein Mund öffnet sich, und wie von selbst fliessen die Worte aus mir heraus, die alten, machtvollen Worte, die ich so oft vor mich hingemurmelt habe, und wegen derer mich die anderen schliesslich für verrückt gehalten haben.
Ein Blitz zerspaltet die Luft, schlägt direkt vor mir in den Altar ein und versengt mir die Hand, die eben noch mein Eisen gehalten hat, das Eisen, das jetzt anfängt, rot zu glühen. Ein starker Wind kommt auf, ein Heulen, dann ist alles vorbei. Es ist ruhige Nacht, und der Mond scheint.
Als ich mein Schwert vom Altar nehme, spürt meine Hand keinen Schmerz.


03.05.2007, Thema: 'Antike':

- Das Mädchen und der Drache (Christian Haps)
- An Tieke (Christian Haps)
- Oh, Pharao! (Christian Haps)
Das Mädchen und der Drache

Gut versteckt hinter einem Baum stand ein kleines Mädchen und wartete. Sie wartete auf einen jungen Prinzen, der ausgezogen war, einen bösen, gefährlichen Drachen zu töten. Das kleine Mädchen kannte den Prinzen gut, denn der Prinz hatte schon einmal versucht, den Drachen zu töten, und war dabei schwer verletzt worden. Verträumt lehnte es den Kopf an die warme Rinde des Baumes und dachte zurück...
Blutend und auf zwei Holzkrücken gestützt war der Prinz aus dem Wald herausgehumpelt gekommen, und dort hatte das kleine Mädchen ihn zum ersten Mal gesehen. Sie war zum Spielen hierher gekommen, wie sie es öfter tat, aber diesmal hatte sie ein kleines, handgenähtes Täschchen bei sich getragen. Im seinem Inneren befanden sich ein Bündel Kräuter und ein paar Stofftücher. Das Täschchen war ein Geschenk ihrer lieben Mutter – das kleine Mädchen hatte oft bösen Heuschnupfen, und die Kräuter, eingerieben in die Tücher, taten ihr wohl.
Der Prinz war auf sie zugekommen, hatte sich mit letzter Kraft hilfesuchend an den einzigen Menschen gewandt, den er finden konnte, und sei es nur ein kleines Mädchen. Direkt vor seinen Füssen war er dann erschöpft und ohnmächtig zusammengebrochen. Das kleine Mädchen hatte grosse Angst gehabt, der Prinz könnte vielleicht sterben, und hatte verzweifelt darüber nachgedacht, wie sie ihm helfen könne. Und als ihr trotz allem Nachdenken gar keine Lösung einfallen wollte, hatte sie das Täschchen geöffnet, hatte die Kräuter in die Tücher eingerieben und sie dem bewusstlosen Prinzen auf den zerschundenen Körper gelegt. Dann hatte sie die Augen geschlossen und gebetet, der Prinz möge wieder zu sich kommen. Und das Wunder war geschah – nach einiger Zeit hatte sie gefühlt, dass sich neben ihr etwas bewegte. Sie hatte die Augen geöffnet und direkt in das Gesicht des Prinzen gesehen:
“Liebes Mädchen, Du hast mir das Leben gerettet, und dafür werde ich Dir ewig dankbar sein. Ich muss jetzt fort, ich muss zurück zum Schloss meines Vaters, um wieder stark und gesund zu werden. Dann aber werde ich wieder ausziehen und gegen den Drachen kämpfen. Wenn dies soweit ist, wirst Du es fühlen, und ich bitte Dich darum, dann wieder hierher zu kommen, und an genau dieser Stelle, an diesem Baum auf mich zu warten. Wenn ich zum zweiten Mal gegen den Drachen kämpfe, werde ich ihn besiegen, und dann kann ich dich als meine Braut auf mein Schloss führen.”
Nachdem er das gesagt hatte, war der Prinz aufgestanden und zurück in den Wald gegangen. Das kleine Mädchen aber war nach Hause gegangen, und als sie eines Tages tatsächlich spürte, dass der Prinz wieder ausgezogen war, um den Drachen zu bekämpfen und zu töten, war sie wieder hinaus in den Wald gegangen, hatte sich an denselben Baum gesetzt, an dem sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte, und auf ihn gewartet.


An Tieke

Liebe Tieke,

es ist aus.

Oh, Pharao!

Ein Schauspiel, beteiligte Personen:

– der Pharao
– die Pharaonin
– ein Nebenbuhler
– die Palastwache
– ein Sprecher


Sprecher:

Es fand sich zu antiken Zeiten,
im Land, wo Pyramiden wuchtig sprossen,
ein Hergang, würden wir ihn deuten
doch nein, wir woll'n die schnöde Analyse lassen!

Es wandelte, das traf sich so,
in Palmengarten's kühlem Schatten,
an seinem freien Tag der Pharao,
er suchte Ruh' nach grossen Taten.

Da traf sein Blick auf einen grünen Ast ein
kleiner Vogel, nach des Fluges harter Plage,
hielt sich dort auf und machte Rast,
erschöpft vom heissem Sommertage.

Nun trieb den Pharao, bei meiner Ehre,
ich wage kaum, es auf zu schreiben,
der Drang, mit diesem armen Tiere
gemeinen Schabernack zu treiben!

Pharao:
Was sitzt Du dort, Du garstig, unbeholfen Tier,
auf meinem Ast (ist doch der ganze Garten mein).
Doch wart Du nur, gleich zeig' ich's Dir,
Werf' diesen Stein Dir in die F*** 'rein!

Sprecher:
So sprach er und hob hurtig aus dem Sand
'nen grossen Kiesel, zielte, und gewand
warf er ihn auf des Vogels Leib,
doch:

Pharaonin:
“AU!”

Pharao:
...ein Weib?

War's einer holden Jungfer Klage?
Ich muss es wissen auf der Stelle,
denn bin ich doch trotz meiner alten Tage
bis heute leider Junggeselle!

Sprecher:

Und lenkte er die Schritte hurtig,
romantisch angetan und hoch erfreut,
dorthin, wo im Gebüsch es gurrte,
wo er vernommen zarten Scherzenslaut.

Pharaonin
(kommt aus einem Gebüsch hervor:)
Wer Du auch bist, wie kannst Du's wagen
Oh Schuft, oh Meuchelmörder, Strolch,
des stillen Platzes sittliches Behagen
so rüpelhaft zu stör'n – solch...
(erschrickt, da sie den Pharao erkennt)

Pharao:
Solch?

Pharaonin:
Ich meine...

Pharao:
Meint Ihr?

Sprecher:
Da sie erkennt, wer vor ihr steht:

Pharaonin:
Verzeiht mein Herr, ich war nicht bei mir
(zu sich selbst:)
Hätt' ich's geahnt, dass der heut' hier Spazierengeht...!
(übertrieben freundlich:)
Oh wenn ichs richtig jetzt bedenk,
wird jener Stein, der just am Kopf mich traf,
mir lieb und wert wie ein Geschenk!

Pharao:
(zu sich selbst, entzückt:)
Reut's mich doch nicht, dass ich ihn warf!
War es das Glück, dass meine Hand geführt?
War's Götterwille, der den Aufprall lenkte?
Hab selten noch ein Antlitz so begehrt!
(zur Pharaonin:)
Oh schöne Maid, verzeiht mir, wenn's Euch kränkte!
Flog jener Stein ganz absichtslos mir aus der Hand,
So bin ich um so ärger nun entschlossen und
komm' nicht eher zu Verstand,
als bis den Bund der Ehe wir geschlossen!

Pharaonin:
(zögert)

Pharao:
Na los doch...

Pharaonin:
...äh, ich...

Pharao:
...wird's?

Pharaonin:
(zu sich selbst:)
Bist ein gar ekliger Gesell'
doch, wart, bevor ich's überstürz:
(zum Pharao:)
Ja, ich will!
(zu sich selbst:)
soll er doch Geld und Gut sein Eigen nennen!

Pharao:
(zu sich selbst:)
Wär' doch gelacht, wenn...

Nebenbuhler:
(von irgendwo her auf die Bühne eilend:)
...Still!
(zur Pharaonin:)
Oh schweiget, um der Liebe willen!

Pharaonin:
(zu sich selbst, den Nebenbuhler mit begierigem Blicke musternd:)
Oder auch der Lust...

Nebenbuhler:
(zur Pharaonin:)
Fühlt Ihr nicht heiss' Begehren schwellen

Pharao:
(zu sich selbst:) hab ich's gewusst...

Nebenbuhler:
Beim Anblick meines süssen Leibes?

Pharaonin:
Oh ja, doch, sehr...
(lässt sich vom Nebenbuhler in die Arme schliessen)

Pharao:
(zu sich selbst:) wird's nie gelingen...

Nebenbuhler:
(zum Publikum:)
Werd' ich doch habhaft letztlich jeden Weibes!

Pharao:
...ein Weib zur Eh' mir zu verdingen?
(zum Nebenbuhler:)
Doch halt, mein Freund, noch bin ich nicht geschlagen!
Wollt Ihr die Schöne von mir zwingen,
so müsst ihr's ohne Zögern wagen,
müsst ihr im Zweikampf sie erringen!
(reisst den Nebenbuhler aus den Armen der Pharaonin)

Nebenbuhler:
Wo Mannes Kraft..

Pharao:
...und Mannes Mut

Nebenbuhler:
Gemeinsam Stolz und Kühn sich messen

Pharao:
Da wallt des echten Helden Blut,

Pharao und Nebenbuhler
gemeinsam:
(zum Publikum:)
Sind Rang und Stand, Geburt und Privileg vergessen!

Nebenbuhler:
(hebt sein Schwert)

Pharao:
Heh, Wache! Los, Herbei,
sperrt diesen wüsten Unhold ein!

Wache:
(auf die Bühne, führt den Nebenbuhler ab)

Pharaonin:
Ist weg und fort nun, und oh
weih...

Pharao:
(zur Pharaonin:)
Nun, liebste Jungfer, seid Ihr mein!

Pharaonin:
(zu sich selbst:)
Muss ich nun doch den alten Bock mir nehmen?

(zum Pharao:)
Hach, wie nett!

Sprecher:
...so musst' zur Ehe sich bequemen,
die früh entschied sich für des schnöden Mammons Schein.
Doch fügte sie sich gerne in ihr Los,
Und fand es bald zu ihrem eig'nen Besten:
Es war der Reiz des Goldes gross,
konnt' über manches and're trösten!

Pharao und Pharaonin:
(fallen sich mit einem Kusse in die Arme)

05.04.2007, Thema: 'Violett':

- Klassenfete (Christian Haps)
- Messer (Christian Haps)
Klassenfete

1.

Es war früher Nachmittag, und der kleine Tom stand vor dem Waschbecken im elterlichen Badezimmer und musterte kritisch sein Spiegelbild. Er tat dies recht häufig, gerade in letzter Zeit, genaugenommen, seitdem ihm der kleine, handliche, Bravo-Taschenkalender, dem seine geistig umnachtete Grosstante Erna ihm im letzten Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte, am 11.2. des Jahres den Beginn seiner Pubertät verkündet hatte. Vorletzten Sonntag war das gewesen, und er meinte auch, im nachhinein den genauen Zeitpunkt dieses Ereignisses angeben zu können: Nachmittag, 15.34 Uhr, und zwar genau in dem Moment, in dem Frieda, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, um die Ecke gebogen war und aufgrund der ihr eigenen verträumten Geistesabwesenheit mit einem vorbeifahrenden Moped kollidiert war – sie war gestürzt, kein schöner Anblick.
Tom hatte sich bereits wieder pietätsvoll der aktuellen Folge seiner Lieblings-Reality-TV-Show zuwenden wollen, als sich plötzlich tief in seinem Innern etwas bewegte – mit verträumtem Blick sah er den von einem spontan herbeigeeilten zufälligen Passanten verständigten Rettungssanitätern dabei zu, wie sie sorgfältig Friedas langes, blondes Haar aus den Speichen des gegnerischen Fahrzeugs herauslösen, mit denen es sich im Moment des Zusammenpralls spontan verquirrlt hatte. Ein unbekanntes Gefühl von Wärme hatte ihn erfasst und ihn seitdem nicht mehr wirklich losgelassen.
Und heute stand er nun wieder vor dem Spiegel, betrachtete sich, und fühlte sich unruhiger und nervöser als jemals zuvor in seinem Leben. Hierfür gab es einen Grund, der weit über das Schicksal der kleinen Frieda oder die Weissagungen seines Taschenkalenders hinausging: sein Freund Peter würde heute eine Party geben, und würde hingehen, er musste hingehen, denn er war eingeladen, die ganze Klasse war eingeladen, auch Frieda, die sich mittlerweile wieder so leidlich erholt hatte, und es war seine erste Party, und er hatte eine Scheissangst.
Würde er dieser gnadenlosen Konfrontation mit der harten Seite des Lebens wohl gewachsen sein? Schon als kleines Kind hatte er schnell gemerkt, dass er kein Typ war, nach dem die Frauen sich umdrehten – nicht freiwillig, jedenfalls. Es war ihm gelegentlich gelungen, diesen Effekt herbeizuführen, in dem er ihnen faule Tomaten oder eilig aufgesammelte, dem Dosenpfand glücklich entkommende Konservenbüchsen an den Kopf geworfen hatte, aber das war nicht ganz dasselbe, wie er fand.
Er beschloss, sich einmal eingehend von Kopf bis Fuss zu betrachten und dann ein für allemal ein Urteil über seine Zukunft zu fällen.
Er begann mit seinen Haaren. Seit der letzten Inspektion waren sie länger geworden -damit kam er klar. Was ihn mehr bestürzte, waren die kleinen, höckerförmigen Ausbuchtungen an direkt über der linken bzw. rechten Schläfe. Die waren beim letzten mal noch nicht dagewesen, und waren sie auch sehr klein, kaum spürbar eigentlich, so erfüllten sie ihn doch mit einer tiefen Unruhe. Die gestern Abend unverhofft stattgefundene Kollision seines Kopfes mit dem untersten Brett seines Bücherregals fiel ihm ein, und er beruhigte sich – aber ein etwas mulmiges Gefühl blieb.
Der Rest schien zu stimmen – Augenbrauen, Nase, Hals sowie der übrige Restkörper entsprachen den Vorschriften, die er ebenfalls seinem Taschenkalender entnommen hatte – es gab da eine kleine Sonderrubrik “Wenn ich mich schlecht fühle – ein Notleitfaden für kleine und mittlere Notlagen”
Hinter ihm im Spiegel sah er das Bild seiner Mutter auftauchen.
“He Schatz, mach Dir keine Sorgen. Ich bin sicher, Du wirst grossen Spass haben. Denn weisst Du, Du hast die gleichen Sorgen und Ängste wie alle anderen kleinen Jungen in Deinem Alter.”
So sprach seine Mutter, dann gab sie ihm einen Klaps auf den Rücken und schob ihn zur Türe hinaus – gerade, als es sowieso Zeit zum gehen war. Tom beschloss, diesen Worten Glauben zu schenken und stieg in den nächsten Bus, der ans andere Ende der Stadt fuhr, dorthin, wo die Party in einer knappen halben Stunde beginnen würde. Seine Mutter würde ihn dann wie besprochen gegen elf abholen. Er war ihr dankbar, dass sie ihm nocheimmal Mut zugesprochen hatte – sie schien bemerkt zu haben, wie sehr er das in diesem Moment gebraucht hatte. Allerdings meinte er, ein schelmisches Grinsen auf ihrem Gesicht bemerkt zu haben, kurz bevor er das Badezimmer verliess. Was das bedeuten sollte, verstand er nicht, aber er beschloss, es auf sich beruhen zu lassen. Erwachsenen sind manchmal komisch,

2.

Es war unfassbar – er stand tatsächlich hier unten, in Peters Partykeller, hatte er doch diesen Moment Wochenlang gefürchtet und sich aberdutzende Flucht- und Vermeidungsstrategien überlegt, die in Invention, Duktus und strategischer Verschlagenheit zum Teil von einer derartigen Brillianz gewesen waren, das es fast schon schade war, dass – nunja, dass er jetzt eben hier stand und also offenbar keine von ihnen wahr gemacht hatte. Selbst den allerletzten, wagemutigsten aller Pläne, der im Bus seinen Anfang genommen hätte, eine bewaffnete Entführung mit Hilfe eines unter das T-Shirt geschobenen Schokoladenriegels, eine atemlose Flucht in die Staaten und das Annehmen einer neuen Identität inklusive einer geradezu persönlichkeitsverändernden Gesichtsoperation einschloss, hatte er im letzten Moment fahren lassen – und jetzt gab es kein zurück mehr, denn er war bereits gesehen worden – sein Freund Peter hatte ihm höchstpersönlich zugewunken, wobei es ihm gleichzeitig gelungen war, seine Hand aus der Umklammerung von Henrietta, eines kleinen pummeligen Mädchens aus der Parallelklasse, die nur allzu offensichtlich einen Narren an ihm gefressen hatte, zu befreien (was dazu geführt hatte, das auch Henrietta ihn gesehen hatte, was seine Situation nicht besser machte), Tobias und Elke, die sich allerdings nicht die Mühe gemacht hatten, ihre knutschversiegelte Umarmung aufzulösen und ihm stattdessen nur kurz zugeblinzelt hatten, Frieda, die er mit ihren neuen Haarnetz beinahe nicht erkannt hätte, ausserdem Markus, Christoph und Nadine.
Claudia. Maria. Und Gabi.
Mist.
Er sass also in der Falle und beschloss, das beste draus zu machen: Er ging rüber zu Claudia und sagte: “Hi”.
“Hi Tom!” sagte Claudia und lächelte ihn an.
Und jetzt? Die Eröffnung war auf jeden Fall schonmal gründlich schiefgegangen. Tom hatte einige Zeit darauf verwendet (und etliche Seiten seines Taschenkalenders in- und auswendig gelernt), um sich darauf vorzubreiten, dass er abgelehnt wurde. Verschmäht. Verspottet. Die alte wir-bewerfen-dich-mit-Tomaten-und-sperren-dich-dann-ins-klo-variante.
Und jetzt sass Claudia vor ihm, lächelte ihn an und sagte einfach nur “Hi”....obwohl, eigentlich war das gar nicht schlecht. Er mochte Claudia nämlich. Deshalb stand er ja hier. Hätte ja auch woanders stehen können. Irgendwo. Der Raum war ja gross. Waren auch noch andere Leute da. Ganze Haufen andere Leute. Bei Peter zum Beispiel hätte er stehen können, der ihm mittlerweile nun schon seit fünf Minuten zuwinkte, wobei er die dicke Henrietta schon mehrmals versehentlich geohrfeigt hatte, ohne es irgendwie bemerkt zu haben.
Stand er aber nicht. Er stand hier, zwanzig Zentimeter von Claudias Gesicht entfernt, die ihn immer noch anlächelte, sich allerdings mittlerweilte zu wundern schien, warum er gar nichts sagte. Das sah er daran, dass sie die Augenbrauen hochzog. Beim lächeln. Gleichzeitig. Sah komisch aus.
Tom sagte:
“Bist Du schon lange hier?”
Seite 28 des Taschenkalenders. Das entkrampfte die Situation.
“Nein, ich bin erst gerade...”
Während er ihr zuhörte, fuhr Tom sich lässig mit der Hand durch die Haare – sollte cool wirken, wie er gelesen hatte (Seite 34 des Taschenkalenders). Dabei erstarrte er plötzlich mitten in der Bewegung. Die Ausbuchtungen über seinen Schläfen waren grösser geworden, er war ganz sicher. Er fühlte, und stellte fest, dass sich seine Haut an zwei Stellen, kurz über seinen Augenbrauen, geöffnet hatte, und..
“...und meine Freundinnen sind auch erst....”
Claudia steckte in einem Redeschwall fest, was ihre Aussenwahrnehmung offenbar beeinträchtigte – das gab ihm einige rettende Sekunden. Er murmelte etwas, und schoss dann pfeilschnell quer durch den Raum hin zur Toilette, nicht ohne der armen Henrietta ebenfalls gründlich eins zu verpassen, was ihr, zusammen mit allem anderen, was an diesem Abend noch passieren sollte, ein tiefes seelisches Traume injinzierte, das zwanzig Jahre später....aber das ist eine andere Geschichte.
Tom war in der zwischenzeit an der Toilettentüre angekommen, fand diese gottseidank unverschlossen und stürzte hinein. Machte Licht. Stand einige Sekunden mit klopfenden Herzen an der Türe gelehnt. Schaute dann in den Spiegel.
Wow.
Aus seiner Stirn heraus wuchsen jeweils links und rechte zwei kleine, grüne Tentakeln. Sie hatten momentan die Länge von etwa einem Zentimeter, wuchsen aber recht schnell. Tom betrachtete seine Ohren, und stellte fest, dass sie sich ebenfalls zu verändern begannen. Sie waren grösser, ebenfalls grün verfärbt, wobei sie in den Aussenbereichen leicht ins violette tendierten.
Der Gedanke an die Flucht über den grossen Teich, die neue Identität und vor Allem die Gesichtsoperation kam ihm wieder – er spähte nach dem Toilettenfenster und befand es für gross genug, um hindurchzuklettern – auch wenn sein Körper um die Taille herum jetzt deutlich dicker zu sein schien als noch vor zwei Stunden, aber dem schenkte er jetzt keine Beachtung – die Chirurgen in Amerika würden schon eine Lösung finden.
Tom stützte sich mit beiden Händen an Wandfleisen ab und stellte einen Fuss auf den Tiolettendeckel. Doch gerade, als er sich hochziehen wollte, öffnete sich die Türe, und Peter kam herein.
“He, Tom, ich muss Dir...”
“Tom??”
“Oh Man Tom!!”
“Ey, coole Verkleidung! Stark”
Und bevor er sich dessen erwehren konnte, hatte Peter ihn am Arm gepackt und zurück in den Partyraum geschleift. Da stand er nun, inmitten der anderen, umringt, ausgeliefert, schutzlos....
“he Tom, darf ich den Fühler mal anfassen?”
Gabi stand vor ihm und schaute ihn fragend an. Dazu sei bemerkt – wenn Claudia eine scharfe Nummer war, dann war Gabi...hmmmmm.
“Klar darfst Du das, Gabi. Du musst nur...”
Sollte man nicht die Feste feiern, wie sie feiern? Und die Gelegenheiten beim Schopfe fassen? Und überhaupt, seit der vierten Klasse träumte er von Gabi.
“Warte mal, komm mit...”
Er nahm Gabi bei der Hand und zog sie mit sich, wieder quer durch den Raum, allerdings diesmal heraus auf die Gartenterrasse. Legte einen Arm um ihre Hüfte. Und hatte die Tür mit einem Holzkeil verbarrikadiert.
“Du, Tom...”
Gabi sah mit einem Blick zu ihm auf, den Tom nicht wirklich deuten konnte.
“Tom, ich...”
Er hielt ihre hüften mit beiden Händen und neigte den Kopf, um sie zu küssen (Taschenkalender, Seite 54). Allerdings bemerkte er, dass sie ihm auswich. Nunja. Aber da war dieses dumpfe Rumoren in ihm, das er spürte, seit – genaugenommen, seitdem er zum ersten Mal die kleinen Ausbuchtungen an seinem Kopf bemerkt hatte. Und zwar letzte Woche, und nicht erst heute vor dem Spiegel.
Gabi war seinen Lippen zweimal erfolgreich ausgewichen, hatte sich jetzt aber, beim dritten Versuch, für die falsche Ecke entschieden, und Tom, den diese Situation stark an das Elfmeterschiessen seines Fussballvereins erinnerte, wusste dies gekommt auszunutzen.
Schmatz.
Gabi versuchte jetzt, ihn mit beiden Händen an der Gurgel zu greifen. Aber da war es gut, dass er den Sinn der Ausbuchtungen an seiner Taille mittlerweile begriffen hatte. Mit zwei Armen an der Hüfte und zwei zusätzlichen, die ihre beiden Hände festhielten, war Gabi so gut wie wehrlos.
Er hatte nicht mit ihrem Knie gerechnet.
“Aua!!”
Für einen kurzen Moment liess er mit drei der vier Arme los, und diesen Augenblick nutzte Gabi zur Flucht.
“Hiiillffeeee!” Schrie sie, rannte hinaus in die Dunkelheit und ward nie mehr gesehen.

Aber Tom war auf den Geschmack gekommen, er hatte jetzt ein Konzept für den Rest des Abends. Ganz deutlich spürte er, dass ihm heute niemand so recht würde wiederstehen können. Er bückte sich, und ging durch die kleine Türe zurück in den Partykeller.
“Ähh Tom, ähh...wo ist Gabi?”
Die verängstigten Blicke der anderen ..äh...die verängstigten Blicke der Kinder waren auf ihn gerichtet, während Tom in gebückter Haltung, um in dem niedrigen Raum nicht an die Decke zu stossen, zu ihnen herabsah.
“Gabi ist schlecht geworden. Sagt mal, wo ist denn Claudia?”
Zitternd und blass wurde das kleine Mädchen von den anderen nach vorne geschoben, sie hatte offenbar zuviel Angst, um sich ernsthaft zu wehren. Angststarre kam bei höheren Säugetieren recht häufig vor und erleichterte dem Jäger seine Aufgabe ganz erheblich (Brehms Tierleben, Band 2, S. 234.).
Die anderen Kinder standen wie eine Mauer – dann machten sie einen Schritt zurück und liessen ihn gewähren.
Vier Arme, vier Hände, die sedative Flüssigkeit aus seinen jetzt voll ausgebildeten Stirndrüsen, sowie sein neuer und verbesserter Kiefer versetzten Tom in die Lage, die Sache kurz und schmerzlos zu machen - Claudia spürte nicht viel.
Dann kam Peter.
Markus.
Maria.
Christoph.
Nadine.

3.

23.12 Uhr. Vor dem Haus des verschiedenen Peter Holgstett.
Ein Auto biegt in die dunkle, abgelegene Strasse ein und hält am Gehsteig.
Tom öffnet etwas schüchtern die Autotüre - die Veränderungen an seinem Körper sind zurückgegangen, die zusätzlichen Arme und Fühler verschwunden. Einzig seine Stirn verbleibt etwas ausgebeulter als früher – wenn man genau hinsieht.
“Hi Schatz, tut mir leid, dass ich mich etwas verspätet habe. Hattest Du einen schönen Abend?”
Er betrachtet seine Mutter, ihren Kopf, ihre Stirn --- und ein langes, breites Grinsen macht sich auf seinem Gesicht breit.
“Ja Mami.”

Epilog

Auszug aus der Krankenakte Henrietta S., Marienhospital Berlin-Tempelhoff, Psychatrische Abteilung:

Die 23-Jährige Henrietta S. wird hiermit offiziell zur Behandlung mittels Elektroschocktherapie freigegeben. Langwierige, wiederholte Gesprächstherapien, Hypnose und Thraumabehandlung haben nicht dazu geführt, sie von ihren absurden, kindischen Wahnvorstellungen abzubringen. Nach reiflicher Überlegung halten wir dies für die einzig noch erfolgversprechende Therapieform, bevor wir zu einer endgültigen Exekution schreiten müssen. Alienmonster, die harmlose Teenager auf einer Party auffressen – sowas gibts doch nur im Kino....

Messer

Sie lernte den Messerwerfer ganz zufällig kennen, irgendwo an einem gewöhnlichen, unbedeutenden Ort: eine unscheinbare Kneipe am Rande des grossen Geschehens. Es war spät, sie hatte schon etwas getrunken, alleine an der Bar – sie merkte wohl, dass er sie schon seit einiger Zeit beobachtet hatte, aber sie spendete ihm keine Beachtung. Es war ihr nicht mal unangenehm, dass er sie beobachtete – es war ihr egal. So egal, wie ihr alles in dieser Zeit egal war. Er beobachtete sie also, ohne dass sie seine Blicke erwidert hätte. Als die meisten Gäste gegangen waren, setzte er sich zu ihr.
Sie wurden sich überraschend schnell handelseinig – er suchte ein ein neues Mädchen, sie hatte nichts besseres vor, und so sagte sie zu. Über das Risiko machte sie sich keine Gedanken – wozu auch? Er würde sein Handwerk schon beherrschen, und wenn nicht ...was solls.
Und dann sagte sie zu für eine kleine Vorstellung in einem Variete am Ende der Stadt, direkt am nächsten Abend. Eine kleine Vorstellung, Probe kurz vorher – oder auch gar nicht.

*

Sie war sich nicht ganz sicher, ob es die Augen des Publikums waren, die sie auf ihrer Haut spürte – oder die Kälte, hervorgerufen durch das billig-aufreizende, eng geschnittene Kostüm, das mehr von ihrem gut gewachsenen Körper zeigte als es verhüllte. Sie wusste es nicht, aber die Frage löste eine gewisse Neugierde in ihr aus, fesselte ihren Verstand gerade eben so lange, bis das erste Messer auf sie zuraste und sich mit einem dumpfen Klopfen direkt neben ihrer Hüfte ins Holz bohrte. Ein weiteres Messer folgte, an der anderen Seite. Dann ihre Unterarme, die Schultern, schliesslich der Kopf. Tock, tock....ein paar bange Sekunden, dann war es vorbei. Keine grosse Sache.
Das Publikum war zufrieden gewesen, die Bezahlung stimmte – der Messerwerfer wollte sie für eine weitere Show haben, in einem grösseren Laden, schon übermorgen. Sie sagte zu.

*

Wieder die Augen des Publikums, diesmal war ihr deutlich bewusst, wieviel Haut sie zeigte – fast mehr noch, als beim ersten Mal, wie ihr schien. Aber es waren auch mehr Menschen. Wieder das elektrisiernde Kribbeln, als die Vorführung begann....dasselbe Spiel – zweimal Hüfte, Arme, Schultern, Kopf – und, ein letztes Messer zwischen ihre gespreitzten Beine – sie fand gefallen an dem Spiel: morgen die nächste Vorstellung.

*

Abends im Casino, vor dem Spieltisch. Der Stapel mit Chips vor ihr, der Lohn des Abends. Und wieder dieses Kribbeln, angenehm aufregend. Sie setzte zuerst vorsichtig, Rot oder Schwarz, kein Risiko. Als sie gewann, wurde sie mutiger. Eine spontane Eingebung: 23. Die Kugel rollte, schwankte, tanzte auf dem flirrenden Rat hin und her – ein letzter Moment das Zweifels – und dann, gewonnen. Zuerst dachte sie, sie würde weiterspielen, nocheinmal setzten, aber dann dachte sie an die Vorstellung morgen Abend – und beschloss, vorsichtig zu sein. Ein kleiner, wärmender Funke war in ihr entstanden, den sie hüten wollte – was Kälte war, wusste sie bereits.

*

Vor ihr die Augen der Menge, auf ihrer nackten Haut. Das Gesicht des Messerwerfers, ernst und konzentriert. Sie selbst im Licht der Scheinwerfer. Angebunden an eine Drehscheibe – etwas neues für heute Abend, immer etwas neues, das Publikum musste bei Laune gehalten werden. Die Scheibe begann sich zu drehen, langsam, dann immer schneller.
Tschok.
Das erste Messer traf sie direkt neben dem linken Oberschenkel, die Welt um sie herum rotierte.
Tschok. Rechter Oberschenkel. Sie merkte, wie ihr schwindelig wurde, für einen Moment dachte sie, sie würde die Nummer verpatzen.
Tschok. Linke Hüfte. Sie versuchte sich zu entspannen, und mit einem Male wurde alles einfach, das Publikum und die Anspannung traten in den Hintergrund, die Welt wurde zu einem bunten Kaleidoskop aus rotierenden Farben.
Tschok. Tschok. Taille Rechts und Links. Tschok.
Sie dachte an das Geld, das sie bisher verdient hatte, an ihren Gewinn von Gestern abend – aber das nur am Rande. Sie hatte ein Ziel, der kleine Funke in ihrer Seele begann sich auszubreiten, zu wachsen und sie zu wärmen.
Tschok.
Sie träumte von einem geregelten Leben, einer Wohnung, Küche, Bad, Wochenende und regelmässige Vorstellungen an den Abenden. Sie schloss die Augen und vergass die Welt um sich herum.
Der Messerwerfer holte aus, und das nächste Messer traf sie direkt ins Herz.


01.03.2007, Thema: 'Gelb':

- Der Träumer und der Spiegel (Christian Haps)
- Glas (Christian Haps)
- Leonie (Christian Haps)
Der Träumer und der Spiegel

Es war einmal ein Träumer. Schon sehr lange war er unterwegs, er war auf der Suche nach dem Land, in dem Milch und Honig fliessen.
Eines Tages geschah es, dass sich ihm auf einem engen, steilen Gebirgspfad ein Spiegel in den Weg stellte. Der Spiegel sagte zu dem Träumer: “Ja, mein Träumer, da stehst Du nun, und kannst nicht weiter – rechts von Dir ist der Abgrund, links von Dir ragt die hohe, unerklimmbare Felswand empor. Vor Dir ist Dein Spiegelbild, das Du nicht durchdringen kannst. Was gedenkst Du nun zu tun?”
Der Träumer schaute erst nach links, dann nach rechts, und dann dachte er lange über die Worte des Spiegels nach. Der Abgrund zu seiner Rechten war sehr tief, und der Berg zu seiner Linken war in der Tat so hoch und steil, dass es lebensgefährlich gewesen wäre, ihn zu besteigen. Und vor sich hatte er das Bild seiner selbst.
Schliesslich sagte er zu dem Spiegel:
“Oh mein Spiegel, es ist alles so, wie Du sagst – aber bedenke eines: Du nennst mich einen Träumer, und Du hast Recht damit, denn das bin ich. Ich träume von einem Land, in dem Milch und Honig fliessen, und in dem mich, wenn nicht ewige Glückseligkeit, so doch Zufriedenheit und ein annehmbares Auskommen erwarten. Dorthin zu gelangen ist mein Ziel.
Doch höre: es ist dies mein Ziel, weil ich aus einem Tal komme, in dem eine tiefe Dürre herrscht, und dessen Bewohner Milch und Honig nicht anders kennen als aus alten Sagen und Erzählungen. Von dort habe ich mich auf den Weg gemacht – und nennst Du mich deshalb einen Träumer, so ist mir das Recht, und ich bin stolz, einer zu sein.
Du aber bist ein Spiegel – in Dir zeigt sich die Oberfläche der Menschen, Du siehst sie und wirfst sie den Menschen zurück. Woher sie kommen und wohin sie gehen bleibt Dir jedoch verborgen. Ein hohles Ding bist Du, Du verstehst nicht, was die Bilder wirklich bedeuten, die man in Dir sieht.
Du hast keine eigene Kraft und kannst deshalb auch mir meinen Weg nicht versperren.
So sprach der Träumer, ging auf den Spiegel zu und versetzte ihm einen heftigen Stoss, so dass er in den Abgrund hinunterstürzte und dort zu tausend Stücken zersprang.
Der Träumer setzte daraufhin seinen Weg fort, erklomm den Gipfel des Berges und suchte weiter nach dem Land, in dem Milch und Honig fliessen.

Dieser Text entstand am 24. Oktober 2006 bei einem Glas Bier, und es ist gut, dass es ihn gibt;O)

Glas

Das Feuer flackert im Kamin, und ich spüre die Wärme auf meiner Haut. Vor mir Dein Gesicht, Deine Haare, Deine Augen – Dein Atem.
Ich weiss, der Abend wird wunderschön werden; wir haben lange darauf zugearbeitet – haben die Unsicherheit, die zermürbende Spannung, die Klippen und Untiefen der Annäherungsphase hinter uns gelassen. Wir beide zusammen haben das geschafft, ich bin froh darüber, stolz – und erleichtert; lange, sehr lange habe ich gezweifelt.
Jetzt ist Friede, Deine Stirn lehnt verträumt an meiner. Ich greife nach Deiner Hand, es geht ganz leicht; ich streichele sie, vorsichtig – wie klein diese Hand ist – ohne Mühe kann ich sie umschliessen. Das gefällt mir, bestätigt mich – ich schaue auf und versuche in Deinen Augen zu lesen. Zu meiner Erleichterung gibt es dort nichts, das mir nicht vertraut wäre, nichts, das mich angreifen könnte. Dieses Bild tut mir gut, ich umschliesse Dein Gesicht mit meinen Händen und drücke Dir einen Kuss auf die Lippen.
Deine Blauen Augen, die an meinen hängen, erwartungsvoll – und plötzlich denke ich: wie schön wäre das, wie richtig würde sich das anfühlen – tief in mir - : Meine Gedanken in Dich hineinzutreiben; ich ahne, wie schwach der Widerstand sein würde – es wäre kein Unrecht, nicht das – nur die reine, klare, Schönheit der Struktur würde zutage treten.
Irgendetwas in Deinem Blick verändert sich, zieht sich zurück – ich glaube, ich habe das getan – habe ich etwas zerstört? Aber was heisst schon Zerstörung, ich fühle den freien Fluss der Energie in mir entstehen – es ist etwas grosses, gewaltiges, das sich aufbaut.
Ich ziehe mich kurz zurück, unerwartet muss ich die Toilette aufsuchen.
Danach möchte ich die Tür wieder schliessen und durch den kalten Flur wieder zurück ins Wohnzimmer gehen, aber ich spüre in meinem inneren eine unbestimmte Leere – das Gefühl verunsichert mich, und einem plötzlichen Impuls folgend hebe ich den weissen ovalen Plastikdeckel an und sehe, dass ich den grössten Teil meiner Gedärme in der Kloschüssel zurückgelassen habe. Zuerst bin ich erschreckt, aber nur kurz – ich fühle mich gut, kein Problem. Dann gehe ich zurück.

Ich gehe zurück und wir nehmen unsere Umarmung wieder auf. Dein Blick hat sich sehr verändert, das merke ich wohl – in meinen Armen bist Du steif wie ein Brett, und ich spüre Deine Angst – aber das ist gut so, es bietet mir einen willfährigen Untergrund. Denn meine Energie ist jetzt stark wie nie zuvor, ungebrochen, sauber und rein, wild und frei. Ich sehe Entsetzen in Deinen Augen, und schaue mich um – dann verstehe ich, klar, hinter mir zieht sich eine Spur roten Blutes über den weissen Wohnzimmerteppich. Ich möchte Dich beruhigen und küsse Deinen Hals und Deine Wangen – alles ist gut. Aber auch meine Lippen hinterlassen eine blutrote Spur, auf Deiner Haut. Dieser panische Blick in Deinen Augen....
Ich höre in mich hinein und kann ich meinen Herzschlag nicht finden; ich versuche, Luft zu holen, aber ich spüre, auch Atmung ist jetzt jenseits von mir – der Prozess, der mich zur äusseren Hülle meiner selbst werden lässt, schreitet unaufhaltsam weiter fort. Bleibt mir nur Deine Verletztheit, nach wie vor ist der Fluss meiner Energie stark – ich fühle mich leicht und frei wie nie vorher. Kann das hier wirklich falsch sein? Ich denke mir einen Satz aus, irgendeinen, um Dich zu trösten – das hier geht ja nicht gegen Dich, diese Energie dient allein sich selbst, ihrer eigenen Grösse, und sie ist schön und brilliant. Ich öffne die Lippen und sage: “Gross....” Dann aber kann ich plötzlich den Mund nicht mehr schliessen, dieses scharfe, harte “ss...” hat die dünne, filigrane Haut, zu der ich geworden bin, in eine unerwartete, tödliche Vibration versetzt.
“sssss...” es zerrt und reisst an mir - wie kann ich dem Stand halten? Dabei war die Energie eben noch so gross, ich habe mich stark und unverwundbar gefühlt.
Der Tod kommt schnell, ich werde zerspringen wie dünnes Glas – was heisst jetzt noch Schmerz. Schmerz sehe ich in Deinen Augen, in Deinen schönen, sanften und unendlich warmen Augen. In meinem Geist formt sich der Satz, der mich vielleicht retten könnte, wenn mein ausgehöhlter Körper noch die nötige Substanz hätte, ihn auszusprechen, die Luft in Schwingungen zu versetzen und sie an Dein Ohr und in Dein Herz zu transportieren. Und es würden mir helfen, das weiss ich, denn ich meine es doch ehrlich - ich habe verstanden.
In dem Moment, wo es zu spät ist und meine Schwingung sich endgültig in eine kalte Nulllinie verwandelt, sage ich: “Es tut mir so leid....”

Leonie

1.

Es war immer noch da - dieses dumpfe, benommene Gefühl beim Aufwachen. Immer noch, obwohl sie sich mittlerweile schon deutlich besser fühlte. Seitdem sie vor einigen Tagen zum ersten Mal für einige Stunden ohne Unterbrechung wach gewesen war, hatte sie wieder Hoffnung geschöpft – an die Zeit vorher dachte sie nur ungerne. Man hatte ihr gesagt, das sie fast einen Monat lang im Koma gelegen hatte, und als sie dann Stück für Stück aus der langen Bewusstlosigkeit aufgetaucht war, war dies nur langsam und sehr mühselig geschehen. Sie konnte sich verschwommen an lange, schwarze Nächte erinnern, während denen sie in einem zermürbenden, trüben Halbbewusstsein in ihrem Bett gelegen hatte und darauf gewartet hatte, dass endlich der langersehnte Schlaf kam, um sie zu erlösen. Der Schlaf, oder auch der Tod – es gab Momente, in denen war ihr das egal gewesen. Momente, in denen die Schmerzen in ihrem Kopf oder ihrem Bauch so schlimm gewesen waren, dass sie meinte, es nicht mehr aushalten zu können.
Aber das war jetzt vorbei. Sie schlief regelmässig jede Nacht, und tagsüber war sie wach und bei Bewusstsein, konnte sich mit den Pflegern unterhalten und sogar Bücher lesen. Ihr Zustand war jetzt stabil genug, um ihr Schmerzmittel geben zu können, und das machte vieles einfacher. Und auch das dumpfe Gefühl beim Aufwachen würde bald verschwinden, da war sie sich sicher.
Leonie setzte sich in ihrem Krankenbett auf und schaute sich um – sie war allein in ihrem Zimmer, aber ein Blick auf den kleinen roten Wecker auf ihrem Nachttisch sagte ihr, dass dies nicht mehr lange so bleiben würde. Es war viertel vor Acht, um Acht würde jemand mit dem Frühstück kommen, und bisher war danach jeden Tag jemand erschienen, um sie zu besuchen und mit ihr zu reden. Es waren Leute aus dem Krankenhaus – niemand, den sie kannte, aber sie war dennoch dankbar dafür.
Einen Moment später senkte sich wie erwartet die Türklinke, und der kleine, etwas abgewetzte Essenswagen wurde hereingeschoben. Leonie wartete gespannt, wer hinter dem Wagen durch die Türe treten und ihr das Essen bringen würde – gestern war es Mario gewesen, ein langhaariger, etwas untersetzter Pfleger, vielleicht ein Zivi oder sowas.
Sie freute sich, als ihre Erwartung bestätigt würde – sie mochte Mario, und einen besseren Beginn für einen neuen Tag, als von einem sympathischen, blendend aussehenden jungen Mann das Frühstück serviert zu bekommen, konnte man sich ja wohl nicht vorstellen.

2.

“Guten Morgen, Leonie!”
Mario hatte, nachdem er es geschafft hatte, den sperrigen, quietschenden Essenswagen ins Innere des kleinen Krankenzimmers zu manövrieren, die Türe geschlossen und warf jetzt einen neugierigen Blick auf das kleine Mädchen, das vor ihm auf dem weissen Bett lag. Sie machte einen glücklichen Eindruck – bewundernswert, wenn man wusste, was für Schmerzen sie bis vor kurzem gehabt hatte. Dieser Gedanke machte ihn sofort ein wenig unglücklich, denn er wusste, dass dieses Glück nur von sehr kurzer Dauer sein würde. Leonie hatte, wie sie alle hier, neben ihren sonstigen Verletzungen eine viel zu hohe Dosis Radioaktivität abbekommen, um noch länger als maximal ein paar Monate zu leben zu haben. Manchmal fragte er sich, warum man den Betrieb hier überhaupt noch aufrecht erhielt – nicht allzu lange, und alles würde genauso zusammenbrechen wie der Rest der Welt da draussen, daran war nichts zu ändern.
Aber er wollte der kleinen Leonie nicht die Laune verderben, sie sah heute so glücklich aus – er ging zu ihr herüber, setzte ihr den Teller mit belegtem Brot und dem Orangensaft auf die Bettdecke und dachte sich irgendeinen Spruch aus – das fiel ihm leicht, irgendwas zu den Blumen auf ihrem Nachtisch oder ihren Sommersprossen – und beschloss, sich wenigstens für die Zeit, die er hier mit ihr verbrachte, keine trüben Gedanken zu machen.

3.

Als sie fertig gefrühstückt hatte und Mario wieder gegangen war, blieb Leonie eine zeitlang alleine – der Besuch liess wohl noch einige Zeit auf sich warten. Sie nutzte die Zeit, um aus dem Fenster zu schauen. Ihr Zimmer lag an der Westseite eines weiträumigen Innenhofs: Im Zentrum stand ein alter, hoch gewachserer Baum; da der Baum keine Blätter trug, konnte Leonie ihn nicht genau einordnen - sie war sich aber fast sicher, dass es sich um einen Kirschbaum handelte. Obwohl offensichtlich Winter war, lag kein Schnee. Bei den Temperaturen war das aber auch kein Wunder; es war fast sommerlich warm; vielleicht hatte das Krankenhaus aber auch nur eine gut funtionierende Heizung.
Ein paar schmutziggraue Wolken verdeckten die Sonne und tauchten den Innenhof und die angrenzenden Fassaden in ein düsteres, dunkles Dämmerlicht. Leonies Blick löste sich von dem alten Kirschbaum und wanderte hinauf in den Himmel. Zum ersten Mal, seit sie wieder etwas besser fühlte, machte sie einen ernsthaften Versuch, sich zu erinnern, weshalb sie eigentlich hier war – irgendetwas war mit ihr passiert...

4.

Schon seit einiger Zeit hatte es Spannungen gegeben – zuerst beinahe unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, hatte sich ein kompliziertes Geflecht von diplomatischen Unstimmigkeiten, versteckten Drohungen und heimlichen Allianzen zwischen der neuen, ehrgeizigen Grossmacht China, den in eitler Selbstgefälligkeit erstarrten Vereinigten Staaten sowie einigen versteckt agierenden opportunistischen Terroristengruppen entwickelt.
Es hatte andere Dinge gegeben, die das allgemeine Interesse auf sich gezogen hatten – der zunehmend spürbare Klimawandel war eins davon gewesen, aber auch der fortwährend schwelende Nahost-Konlikt, Krisen in Afrika, und nicht zuletzt die immer knapper werdenden Rohstoffe. Überhaupt – wer dachte im fortschrittlichem 21. Jahrhundert, dem, das ja bekanntlich den kalten Krieg längst hinter sich gelassen hatte, denn noch an die Möglichkeit einer offenen Konfrontation zwischen zwei Grossmächten? Vielleicht war man etwas blauäugig gewesen, aber es war auch nur allzu verständlich, dass man geglaubt hatte, das bizarre, absurde Gespenst der geplanten gegenseitigen Vernichtung zweier Hälften der Welt würde der Vergangenheit angehören.
Wie auch immer – als man merkte, was sich wirklich hinter den Kulissen anbahnte, noch dazu mitten im Sommerloch, wo niemand überhaupt mit irgendetwas rechnete, war es bereits zu spät. Die letzten, ultimativen Drohungen waren ausgesprochen worden, die Situation schon längst viel zu verfahren, um noch von der verzweifelt einberufenen diplomatischen Bemühungen der UN und der EU aufgehalten werden zu können.
Die Dinge nahmen ihren Lauf, und die Menschheit stand hilflos und mit leeren Händen vor der drohenden, endgültigen Katastrophe.

5.

Das sie ohne es zu merken und durchaus gegen ihren Willen wieder eingeschlafen war, bemerkte Leonie erst, als sie von einem fröhlichen Klopfen an der Tür aufgeweckt wurde. Schnell rieb sich sich den Schlaf aus den Augen, setzte sich in ihrem Bett auf und sagte: ”Herein!”. Sie ärgerte sich ein wenig über sich selbst - zuerst beklagte sie sich darüber, dass sie heute offenbar niemand besuchen wollte, und dann pennte sie einfach so weg!
Die Tür öffnete sich, und Katharina kam herein, eine kleine, blonde Krankenschwester, die hier auf der Station arbeitete und in ihren Freistunden ab und zu zu ihr hereinschaute.
“Guten Morgen Leonie, geht's Dir gut?”
Katharina griff nach einem Stuhl, der in der Ecke neben dem Nachttisch stand, setzte sich an das Kopfende von Katharinas Bett und strahlte ihr ins Gesicht. Katharina war manchmal ein wenig aufdringlich, fand Leonie, aber sie freute sich trotzdem über dem Besuch. Sei beeilte sich zu sagen, dass es ihr schon viel besser gehe, dass sie gut geschlafen habe und fast gar keine Schmerzen mehr habe.
“Schön!” sagte Katharina und lächelte – Katharina lächelte überhaupt immer, jedenfalls hatte Leonie diesen Eindruck von ihr. Plötzlich kam ihr eine Idee – sie würde eine der vielen Fragen stellen, die ihr in den wenigen Tagen, die sich jetzt wieder voll bei Bewusstsein war, in den Kopf gekommen waren, und die zu stellen sie dann aber doch wieder vergessen hatte.
“Wenn ich doch wieder fast gesund bin – wann darf ich nach Hause gehen?” Und, wo sind meine Eltern und warum besuchen sie mich nicht, fügte sie im Geiste hinzu, sprach es aber nicht aus – sie spürte instinktiv, dass die Antwort auf diese Frage Katharina in Schwierigkeiten bringen würde.
Katharina zögerte merklich, bevor sie eine Antwort gab – in diesem Moment wirkte das Lächeln auf ihrem Gesicht, das Leonie eigentlich sehr symphatisch fand, unecht und aufgesetzt.
“Weisst Du, das kann man jetzt noch nicht sagen. Du warst sehr krank, Leonie, und es ist wirklich super, dass Du Dich schon wieder so gut fühlst – trotzdem müssen Dich noch eine Weile hier behalten. Aber weisst Du was?” Es war deutlich zu sehen, dass Katharina krampfhaft nach einem Weg suchte, um das Gespräch auf ein anderes Thema hinzulenken. “Der Arzt hat gesagt, Du könntest Morgen vielleicht für eine Zeitlang aufstehen – wir können einen Spaziergang durch den Innenhof machen, was meinst Du?”
Eigentlich wollte sich Leonie nicht so leicht abspeisen lassen – es war zu deutlich, dass Katharina ihr etwas verheimlichte. Aber dann sah sie das Leuchten in Katharins Augen, das um so vieles gelöster und echter war als ihr gezwungenes Lächeln von eben, und beschloss, die Frage vorerst auf sich beruhen zu lassen – und sich auf einen gemütlichen Spaziergang unter dem alten Kirschbaum zu freuen.


6.

“Schwester Katharina?”
Dr. Merfeld wandte sich um, und sein Blick glitt suchend den kleinen, gelb gestrichenen Stationsflur entlang – eben meinte er dort jemanden gesehen zu haben. Diese Wahrnehmung bestätigte sich umgehend, den Schwester Katharina trat aus einem Seitengang heraus und eilte mit schnellem Schritt auf ihn zu.
“Was gibt's, Chef?”
Dr. Merfelds Stirn legte sich in Falten – er mocht Schwester Katharina und auch ihre lockere Art, aber ein gewisses Mass an Korrektheit im dienstlichen Umgang musste schon sein – auch jetzt noch.
“Wie bitte?”
Schwester Katharina hielt mitten im Schritt inne, legte die Hand vor den Mund und wurde mit einem Male krebsrot im Gesicht.
“Entschuldigung – Ich meine, was gibt es, Herr Doktor?”
Dr. Merfeld beschloss, nicht weiter auf die Sache einzugehen – sie alle hatten genug um die Ohren, und überhaupt, lieber Himmel, sie waren hier nicht beim Militär.
“Was ich sie fragen wollte, Schwester Katharina – wie geht es der kleinen Leonie? Den Daten zufolge müsste sie jetzt fast wieder Gesund sein – EEG und EKG sind in Ordnung, und die Blutwerte sind im normalen Bereich – sie hat ihren Unfall erstaunlich gut verkraftet. Unter normalen Umständen könnte sie morgen oder übermorgen entlassen werden. Aber soweit ich weiss gibt es in ihrer Familie keinerlei Überlebende?”
Die Frage war überflüssig, das wussten sie beide. Die Menschen, die im näheren Umkreis noch lebten, waren hierher gekommen – und das waren so wenige, dass man sie an zwei Händen abzählen konnte. Was weiter draussen war, wusste der Himmel – aber es gab keinen Grund anzunehmen, dass die lage woanders besser war. Die erste nukleare Schlag hatte die Welt völlig unvorbereitet getroffen, und danach hatten offenbar einige wichtige Leute die Nerven verloren – die ganze Welt war hochgegangen wie ein Pulverfass. Soviel hatte man gerade noch mitbekommen, dann waren sämtliche Radio- und Fernsehsender verstummt, das Stromnetz war zusammengebrochen – im Krankenhaus gab es einen Notstromgenerator, deshalb konnte man sich hier noch halbwegs über Wasser halten.
“Was ich gerne von Ihnen wüsste, ist...”
Er stand Schwester Katharina jetzt direkt gegenüber, und die professionelle Distanz, auf die er gerade eben noch so viel Wert gelegt hatte, störte ihn. Dies war kein Gespräch, bei dem er als kompetenter und Entscheidungsbefugter Arzt einer unbedarften kleinen Krankenschwester Anweisungen erteilen wollte.
“Weiss sie immer noch nicht, was passiert ist?”
Glücklicherweise schien Schwester Katharina ganz genau zu verstehen, worum es ihm ging – sowohl gerade eben, als er – vielleicht etwas übergenau – ihren laschen Tonfall kritisierte, als auch jetzt, als er ihr offen seine Unsicherheit zeigte. Verwunderlich war das allerdings nicht – über irgendwelche Spielchen waren sie alle hier längst hinaus.
“Nein. Sie fragt, aber – bis jetzt ist mir noch immer etwas eingefallen, um sie abzulenken. Morgen werde ich mit ihr einen Spaziergang machen, das wird sie freuen.”
“Ja, das wird es – und, jetzt, wo ich darüber nachdenke, meine ich auch, dass wir sie noch eine zeitlang hierbehalten sollten – es gab da eine kleine Unregelmässigkeit im EKG von gestern Vormittag, und man sollte ja kein Risiko eingehen, nicht wahr, Schwester?”
“Natürlich nicht, auf keinen Fall. Ich bin ganz Ihrer Meinung, Herr Doktor.”
Schwester Katharina lächelte – wie bereits erwähnt, tat sie das eigentlich immer. Dann ging sie mit dem gleichen schnellen Schritt, mit dem sie gekommen war, wieder zurück an ihre Arbeit.


7.

Der Spaziergang im Innenhof war wunderschön gewesen – als sie ihn aus der Nähe betrachtet hatte, war Leonie sich völlig sicher gewesen, dass der grosse alte Baum in der Mitte ein Kirschbaum war, und sie hatte sich zusammen mit Schwester Katharina in seinen Schatten gesetzt und in den Himmel hinauf geschaut.
Gerade eben sass Mario neben ihr auf der Bettkante und hörte ihr zu, als sie ihm davon berichtete, wie schön es gewesen war, wieder im Freien sein zu dürfen, nachdem sie wochenlang immer nur im Bett gelegen hatte.
“Hast Du nicht Lust, morgen mit mir nach Draussen zu gehen?”
Es hatte Leonie einigen Mut gekostet, diese Frage zu stellen – schliesslich wollte sie Mario nicht unbedingt auf die Nase binden, wie gern sie ihn hatte. Jetzt aber merkte sie, dass dieser ihr offenbar gar nicht zugehört hatte – er hatte den Blick an ihr vorbei auf den Hof hinaus gerichtet und schaute gedankenverloren ins Leere.
Leonie schlug ihm mit der Hand vor den Bauch – nicht feste, aber doch so, dass er aus seinen Gedanken aufschreckte.
“He, Schlafen im Dienst ist verboten! Gib Dir gefälligst mehr Mühe...”
Mario zuckte zusammen und versuchte dann, langsam und theatralisch vorüber zu kippen – es gelang ihm nicht wirklich, sein schlampig inszenierter K.O. wurde schon bald von Leonies angewinkelten, gut unter der Bettdecke verpackten Beinen gestoppt.
“Tut mir leid...ich musste gerade an zu Hause denken. In dem Dorf, in dem meine Eltern wohnen, bin ich auch oft spazieren gegangen, und ich – aber egal.”
Mario sah plötzlich sehr traurig aus – etwas, das Leonie bei ihm bisher überhaupt noch nicht erlebt hatte.
“Stimmt etwas nicht mit Deinem Zuhause?” fragte sie, “ist es weit von hier?”
“Nein, gar nicht, es ist gleich hier in der Nähe...”
Plötzlich änderte sich sein Gesichtsausdruck wieder, aber das, was dabei rauskam, war genauso wenig überzeugend, wie der K.O., den er eben probiert hatte.
“Alles in Ordnung- ich komme dann Morgen direkt nach dem Mittagessen, um Dich abzuholen. ok?”

8.

Leonie liess den Blick langsam aus ihrem kleinen Fenster hinaus über die karge, blattlose Landschaft schweifen. Es war warm draussen, so warm, wie es für Ende August üblich war.
Sie dachte über das nach, was Mario ihr heute Morgen nach dem Frühstück gesagt hatte - sie dachte daran, wie traurig er ausgesehen hatte, als er ihr von seiner Familie erzählt hatte. Sie dachte auch an Katharina, an das Leuchten in ihren Augen und an das Lächeln auf ihrem Gesicht, an dieses Lächeln, das so schnell zu einer Maske erstarren konnte. Sie war nicht dumm, sie hatte durchaus verstanden, was sie in den letzten Tagen vor ihrem Unfall, an die sie sich mittlerweile wieder erinnern konnte, im Radio und im Fernsehen gehört und gesehen hatte – und sie war dazu in der Lage, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Sie beschloss, die Fragen, die in ihrem Kopf kreisten, auf sich beruhen zu lassen.
Sie würde sich weiterhin von Mario das Frühstück ans Bett bringen lassen, und darüber lachen, wenn er Witze über die Sommersprossen auf ihrer Nase machte; sie würde Doktor Merfeld geduldig zuhören, wenn er über immer neue, überraschende Komplikationen in ihrem Heilungsprozess sprach, und sie würde weiterhin mit Katharina kleine, gemütliche Spaziergänge im Innenhof des Krankenhauses machen und ihren Freund, den Kirschbaum besuchen.
Und wenn es wirklich einmal Winter werden würde, würde sie eine Mütze tragen.

01.02.2007, Thema: 'Orange':

- Gnade (Ellen Bonte)
- Zirkelgedicht 3 (Ellen Bonte)
- Orange - ein Fragmentarium für 3 Sprecher (Christian Haps)
- Examen (Christian Haps)

Ellen Bonte
Gnade

Wenn ich mich entkleidet habe
Und nackt vor Dir stehe
Werde ich meine Entbehrungen
Auf der Haut tragen
Und meine Schatten hinter mir her schleifen
Unabschüttelbar- Bar!
( Ich werde noch immer nicht alles
verstanden haben)

Meine Anwälte werden schweigen
Unversichert werde ich sein
Und sichtbar
Werden, werden
Die Konstrukte an mir haften
Und ich hafte in ihnen
Nach meinem Gesetz
Das nicht das meine ist

Sonder auch deins
Und das uns´rer Vorigen
Und deren Vermählten Gewählten
Und deren Gewalttätigen Räten
Und deren Bewährten Erzählten

Leichen,
bevor sie selber welche geworden
und aufgebahrt
auf eine Bahre zu liegen kamen
Bar-
Keine Scham mehr kannten,
als wir sie erkannten
während sie erstarrten
und zu Geschichten erkalteten
aus denen wir Empfehlungen strickten,
die mir und dir im Geiste kleben
und Lücken stopfen,
unabschüttelbar.

Wo ich geworden bin
Und verstrickt
Konnte ich nicht werden.

Deswegen. Wenn ich vor Dir stehe
Und nackt bin,
starre nicht wie die Kalten.
Sondern.

„Zieh Dich aus, Du alte Hippe“

Zirkelgedicht 3

Jeder Gedanke erhält die Welt
und gibt ihr einen Ausblick
Die Dinge hat der Geist fundamentiert
in sie schrieb er sein Vermächtnis
und wieder und neu
wird dieses Erbe formatiert
werden, Gegenstand der Kritik, doch
der Standpunkt erhält das Feld
jeder Gedanke erhellt die Welt
und gibt ihr einen Ausblick
Die Dinge hat der Geist fundamentiert
in sie schrieb er sein Vermächtnis
und wieder und neu
wird dieses Erbe formatiert
werde doch der Standpunkt
die Kritik erhellt das Feld
jeder Gedanke erhält die Welt


Christian Haps
Orange - ein Fragmentarium für 3 Sprecher

Blinzeln, Sonne scheint durchs Fenster. Auf dem Boden die Reste des Fusionsreaktors – gestern Abend hat er funktioniert, bevor Mami kam und das Licht löschte. Hinaus auf den Flur, alles still – Sonntag morgen. Stösst gegen einen Schuhkarton im Regal – Karton fällt herunter, Deckel öffnete sich, die Welt zerspringt.

Sitzung ist wichtig, schnell anberaumt, keine Zeit. Interplanetarische Versammlung – Entscheidungsprozesse. Rettungsplan, Sternenexplosion, die letzte vor 500 Millionen Jahren, vielleicht jetzt wieder. Panik.

Grog läuft. Grog läuft, Holzkeule in der Hand. Seine Gegner streckt er nieder, mit der Faust. Das Spiel gewinnen, der Ball direkt vor ihm, ausholen, zuschlagen...

Dimensionsriss, sagen sie. Verbindung zwischen Welt und Zeit. Abstrus, gefährlich - Fehlkonstruktion. Ein kleiner Planet, Bevölkerung auf Steinzeitniveau – Knotenpunkt in der Vergangenheit. Der Flügelschlag eines Schmetterlings– aber es könnte auch etwas anderes sein.

Ein Rettungsplan, Raumgeschwader, alles was geht. Abflug morgen um 5. Verzweiflung, Himmelfahrtskommando – letzte Rettung?

..schlägt und verfehlt, Ball fliegt vorbei...

Raumgeschwader in Position, Energiegitter spannt sich auf, alles nach plan. Jetzt hilft nur noch beten.


Ball fliegt vorbei, aber dann: eine Kurve, unerklärlich, Zauberei, Götterwille – jetzt Schlagen, Treffer, Keule trifft und der Ball...

Die Welt zersprungen, orangefarbene Fragmente, Bruchstücke, kein Oben, kein Unten – seine Hand findet den Deckel des Kartons...

Energiegitter steht, Induktion gewährleistet, kann man aufatmen?

Ball schiesst davon, über das Feld, hinter den Baum. Tor.

und setzt den Deckel auf die Kiste, stülpt ihn über. Verbirgt, drängt zurück.

Galaktische Entwarnung, Friede Gesichert, Heimathafen.

Grog wird gefeiert, Bier fliesst in Strömen, Mannschaft hat Sieg.

und schliesst sie, das Orange verschwindet, die Welt kehrt zurück. Schnell schlafen, Mami hat nichts gemerkt.
Nie mehr wieder Fusionsreaktor.

Examen

Termingerecht am 29. September 2004 um 15.25 Uhr hatte sich die vierköpfige Kommission im kleinen Konzertsaal des Konservatoriums versammelt. Zu Prüfen war Kandidat Meier, Abschlussexamen, instrumentales Hauptfach: Violine.
Das Konzert würde in fünf Minuten beginnen, Zeit und Ort waren schon einige Wochen lang im Foyer als Aushang einsehbar gewesen, zusammen mit sämtlichen Prüfungsterminen dieses Semesters.
Dennoch herrschte in den sechs langgezogenen Sitzreihen gähnende Leere – nur vier mittlere Plätze in der dritten Reihe wurden von den leicht verschlafen dreinschauenden Kommissionsmitgliedern ausgefüllt. Kandidat Meier hatte sich für ein Examen unter Ausschluss der Öffentlichkeit entschieden – das Reglement liess dies ausdrücklich zu, und deshalb gab es hieran nichts zu beanstanden.
Punkt 15.30 Uhr öffnete sich die dezent in die schalloptimierte Rückwand des Bühnenbereichs eingelassene Holztüre, und Kandidat Meier trat heraus, dem Anlass entsprechend in schwarzem Anzug und mit elegant gekämmtem, pomadeglänzenden Haarschnitt. In der Hand trug er einen modernden, rechteckigen Geigenkoffer, den er eben jetzt vorsichtig auf dem Flügel plazierte.
Dieses Verhalten war ungewöhnlich, verlangten es doch die Etikette wenigstens des etwas gehobeneren Konzertbetriebs, dem Publikum das Herausnehmen des Instruments vorzuenthalten, es sozusagen und eben dies, nämlich direkt und unverpackt auf die Bühne zu bringen.
Dementsprechend ging nun auch ein leichtes Raunen durch die Kommission, und der eben noch augenfällige Eindruck der Schläfrigkeit war, wenn nicht gar vollständig verschwunden, so aber doch merklich reduziert.
Kandidat Meier hatte unterdessen einen am Seitenrand stehenden Stuhl ergriffen, ihn in die Mitte des vorderen Bühnenbereichs gestellt und war nun im Begriff, sich zu niederzusetzen.
Dies war jetzt nicht mehr nur ungewöhnlich, sondern widersprach ganz entschieden dem für diesen ja doch nicht unwichtigen Anlass angemessenen, genau festgelegten Verhaltenskanon.
Professor Walther Erkholt, seines Zeichens Leiter des Fachbereichs für Saiteninstrumente und langjähriger Meisterschüler von Jascha Heifez, fühlte sich in seiner Funktion als Kommissionsvorsitzender nun genötigt, das Wort zu ergreifen. Er setzte sich in seinem Sessel auf, räusperte sich und sprach:
“Herr Meier, ich sehe, dass auf ihrem Programm nun die berühmte Chaconne aus der d-moll-Suite von Johann Sebastian Bach stünde – was ist, wollen sie sie denn nicht spielen?”
Zustimmendes Gemurmel seiner Kollegen bestätigten diese Worte.
Kandidat Meier schien die Worte des Herrn Professors zu überdenken, denn er senkte für einen Moment den Kopf. Dann hob er ihn mit einer entschlossenen Geste wieder, schaute in die erwartungsvoll auf ihn gerichteten Augen der Kommission und sagte:
“Nein.”
Wieder herrschte eine Zeitlang Schweigen. Professor Erkholt war ob dieser Dreistigkeit offensichtlich sprachlos, deshalb fühlte sich jetzt Professor Thomas Harzberg, ebenfalls ein verdienter Meister seines Faches und nicht unlängst sogar Preisträger eines kleineren Wettbewerbes, genötigt, seinem Kollegen und langjährigen Freund zu Hilfe zu eilen:
“Was soll das heissen – 'Nein' ? Das Stück steht an erster Stelle auf ihrem Programm.” Und, jetzt mit einer leichten, aber unüberhörbaren Betonung seiner Authorität in der Stimme, fügte er hinzu: “Ich bitte Sie, verschwenden Sie nicht unsere Zeit!”
Die Antwort von Kandidat Meier kam diesmal schneller, auch war jetzt kein Senken und anschliessendes Heben des Kopfes mehr erforderlich: “'Nein' heisst, dass ich dieses Stück nicht spielen werde.”
Nachdem er dies gesagt hatte, stützte er sich mit beiden Händen auf der Sitzfläche des Stuhles ab – brachte sich in eine bequeme, gemütlichere Sitzposition, sozusagen – und fixierte gelassen die hoch über den Köpfen der Kommission angebrachten Scheinwerfer.
Es war jetzt an Professor Harzberg, sprachlos zu sein, und sein Assistent, Herr Theodor Dülber, selbst noch nicht allzulange dem Studium entwachsen, fühlte sich geneigt, das Wort zu ergreifen. Er fühlte in sich ein gewisses Verständnis für diesen offensichtlich von Versagensängsten übermannten Prüfling erwachen, und beschloss, der Situation mit einer versöhnlichen Geste die Brisanz zu nehmen:
“Möchten Sie vielleicht mit einem anderen Stück beginnen? Ich sehe hier zum Beispiel die F-Dur-Romanze von Ludwig van Beethoven, dieses Stück erfordert vielleicht etwas weniger Virtuosität und musikalische Gewandheit. Es wäre doch schade, all der Aufwand, Sie haben sich doch sicherlich lange auf diesen Tag vorbereitet, und dann einfach gar nicht spielen?”.
Hieraufhin verliess Kandidat Meier seine bequeme Sitzhaltung, stand auf und sagte:
“Ich werde heute keines der auf meinem Programm stehenden Stücke spielen.”
Dann drehte er sich um und ging langsamen, gemessenen Schrittes hinüber zu seinem nach wie vor auf der Flügelabdeckung ruhenden Geigenkoffer. Er machte offensichtlich Anstalten, ihn zu öffnen, und das in ihm befindliche Instrument ans Tageslicht zu befördern – die Kommission quittierte dies mit einem kollektiven Stirnrunzeln, aber auch mit einer gewissen Befriedigung darüber, dass das Examen jetzt wohl doch noch einen ordnungsgemässen Verlauf nehmen würde. Allerdings würde man nicht umhin kommen, dem Prüfling für sein unangemessenes Gebahren einen saftigen Punktabzug zu verpassen - Professor Erkholt hatte sich bereits eine dementsprechende Notiz gemacht.
Kandidat Meier hatte unterdessen seinen Koffer wieder geschlossen und wandte sich nun wieder der Kommission zu, in seiner Hand eine fabrikneue XYZ-Maschinenpistole mit aufmontiertem Schalldämpfer – con Sordino, sozusagen.
Mit dem gleichen langsamen, gemessenen Schritt, mit dem er einen Moment zuvor zu seinem Koffer hinübergegangen war, begab er sich jetzt wieder an den vorderen Bühnenrand, setzte sich auf seinen Stuhl und fixierte mit leicht gelangweiltem Blick die vier schreckensbleichen Komissionsmitglieder. Die Maschinenpistole hielt er griffbereit auf den Knien.
“Mein Gott Meier, machen Sie sich doch nicht unglücklich...” Das Wort hatte diesmal Professor Winkelmann ergriffen, er war Lehrer des offensichtlich so missratenen Zöglings und hatte die bisher stattgefundene Konversation mit schambleichen Gesicht und klopfendem Herzen schweigend verfolgt.

“Sehr verehrte Kommission!” erhob dieser Zögling jetzt würdevoll seine Stimme. “Ich bitte sie um Verzeihung für mein unkonventionelles Vorgehen, aber besondere Umstände liessen mir keine andere Wahl. Es ist, wie Sie vielleicht verstehen werden, aus verschiedenen Gründen unerlässlich für mich, dieses Examen zu bestehen; wie bereits angekündigt, werde ich aber keines der auf meinem Programm stehenden Stücke spielen. Der Grund hierfür ist sehr einfach: ich vermag es nicht. Trotzdem glaube ich aber, ein unbestreitbares Anrecht auf Erlangung meines Diploms zu haben – die Gründe hierfür werde ich Ihnen sogleich eröffnen. Vorher aber möchte ich noch einige erläuternde Worte zu der Situation verlieren, in der Sie sich befinden: Wie Sie sicherlich wissen, ist dieser Raum vollständig schallisoliert, etwaiges Rufen oder Schreien würde Ihnen also nichts nützen. Die Türen der Ausgänge, die sich zu Ihrer Linken und Rechten befinden, habe ich vor Beginn der Prüfung eigenhändig verschlossen, der Schlüssel befindet sich ebenfalls in meinem Koffer. Bis zum Verstreichen der für dieses Examen vorgeschriebenen Zeit wird uns niemand stören, Sie befinden sich also vollständig in meiner Gewalt.
Zwar halte ich die von mir noch vorzubringenden Argumente für stichhaltig, dennoch ist der von mir durch die auf meinen Knien ruhende Waffe ausgeübte Zwang wahrscheinlich unerlässlich, um Sie zur Kooperation zu bewegen.”
An dieser Stelle hielt er einen Augenblick inne und wartete die Reaktion seiner Zuhörer ab.

Als diese ausblieb, fuhr er fort:
„Ich nehme an, Ihr Schweigen dahingehend deuten zu dürfen, dass Sie die Ausweglosigkeit Ihrer Situation eingesehen haben und beschlossen haben, sich in Ihr Schicksaal zu fügen. Das ist gut, denn ich würde nur ungerne gebrauch von meiner Waffe machen – würde aber im Ernstfall nicht zögern, es zu tun. Ich werde also nun zur Darlegung meiner Argumente schreiten.“
Er räusperte sich, dann sprach er in würdevollem Tonfall weiter:
„Wie ich vorhin bereits angedeutet habe, überfordert der Schwierigkeitsgrad der auf dem Programm stehenden Vortragsstücke meine technischen, tonlichen sowie musikalischen Fähigkeiten bei Weitem. Schon bei der Einleitung zu Bachs Chaconne bin ich mit der Intonation der Akkordfolgen restlos überfordert, und eine Darbietung von Paganinis 24. Cappriccio erklingt bei mir in einer so unglaublichen Stümperhaftigkeit und Langsamkeit, dass ich es keinem Menschen zumuten möchte sie anzuhören. Herr Professor Winkelmann mag hierfür gerne als Zeuge dienen, er kennt meine katastrophale Unfähigkeit aus all den langen Semestern, in denen er mit heissem Bemühen versucht hat, mich zu Unterrichten.“
Kandidat Meier hielt inne und warf einen kurzen Blick auf seinen Lehrmeister, und fügte hinzu:
„ Durchaus vergeblich, wie leider gesagt werden muss.“
Professor Winkelmann aber war noch immer in angstvollem Schweigen erstarrt.
„Ich möchte, dass wir uns in diesem Punkte verstehen: ich selbst finde das nicht gut. Gerne wäre ich ein grosser Violinist, würde zu den Meistern meines Faches gehören wie Sie es tun, meine Herren, doch leider gibt es Umstände in meinem Leben, die dies verhindert haben. “
Ein erneutes Zögern, man sah, dass es dem Prüfling schwerfiel, seine nun folgende Rede zu formulieren:
„Mein heisses bemühen um das Erringen der edlen Kunstfertigkeit im Violinspiel wurde schon früh gestört. Das Verhältnis zu meinen Eltern war nicht ungetrübt, nicht das sie mich schlugen (wobei ich manchmal wünschte, sie hätten es getan!), aber es gab Dinge in ihrer beider Persönlichkeiten, die etwas in mir auslösten, das – das ich mir meiner selbst auf höchst besondere Weise gewahr wurde. Ich unterschied mich von meiner Umwelt, ich begann die anderen Kinder zu meiden und mich ganz auf meine eigene Person zurückzuziehen. Nun war das alleine vielleicht nicht weiter schlimm – ich befand mich in dieser meiner eigenen Welt eigentlich gar wohl, nur musste ich – es war so gegen Ende meiner Schulzeit – leider Feststellen, dass die Konfrontation mit der Aussenwelt, und diese war jetzt unabwendbar geworden, mit beträchtlichen Schwierigkeiten verbunden war. Ich fühlte, dass ich Blockaden in mir errichtet hatte, Mauern – fast kann man von einer gewissen Gehemmtheit sprechen...“
Etwas verlegen senkte Kandidat Meier den Kopf und sein Blick ruhte einen Augenblick lang auf der XYZ-Maschinenpistole auf seinen Knien. Dann fuhr er fort:
„Ein erstes Warnsignal war mein Zivildienst, den ich – selbstverständlich hatte ich den Dienst an der Waffe verweigert – in einem nahegelegen Krankenhaus absolvierte. Trotz meines ehrlichen Bemühens befanden meine Vorgesetzten mich für unfähig, selbst die einfachsten Tätigkeiten auszuführen – ich bekam Angst und stürzte mich noch tiefer in die Ausbildung meines Violinspiels, als ich es bisher schon getan hatte – es schien mir die einzige Möglichkeit zu sein, ein Leben unter Aufrechterhaltung meiner eigenen Welt zu führen – und in der Welt draussen würde ich sicher nicht leben können, soviel stand für mich jetzt schon sicher fest. Ich bestand meine Aufnahmeprüfung an diesem Konservatorium, aber – und ich hatte es schon vorher mit grosser Angst bemerkt – auch an meinem Violinspiel zeigten sich Schwierigkeiten. Ich spürte zuerst einige Unsicherheiten in den höheren Lagen und bei allzu gewagten Flageolets, aber es wurde schlimmer, viel schlimmer. Zum Zeitpunkt meiner Zwischenprüfung war ich bereits weit unter das Niveau meiner Anfangszeit zurückgefallen. Mittlerweile fielen mir die einfachsten Kadenzen schwer, meine einst so soliden Doppelgriffpassagen waren vollkommen zusammengebrochen.
Ich bemühte mich sehr darum, diesen Missstand zu beseitigen, aber alles Üben war vergebens, ja, machte die Sache nur noch schlimmer. Je grösser meine Angst wurde, mein Violinspiel würde nicht ausreichen, um die mir unerträgliche Auseinandersetzung mit meiner Aussenwelt umgehen zu können, desto stümperhafter wurde dieses.
Schliesslich gab ich meine Bemühungen auf – meine Fähigkeiten würden gerade noch genügen, um eine kleine, unbescholtene Existenz als Lehrer an irgendeiner unbedeutenden Musikschule zu fristen oder am letzten Pult eines Provinzorchesters zu spielen. Schweren Herzens gab ich mich damit zufrieden.
Fest steht aber, dass ich dennoch mein Diplom erlangen muss. Und es auch verdiene! Denn, habe ich mich nicht durchaus bemüht? Habe ich nicht verbissen Stunde um Stunde an meiner Geige verbracht, mehr noch vielleicht als die meisten meiner Studienkollegen? Ich fordere sie also nun hiermit dazu auf, die vor ihnen liegenden Formulare auszufüllen und mich als bestanden einzutragen, und zwar mit der Höchstnote – in Anbetracht des emotionalen Aufwands, den ich betrieben habe, ist das nur angemessen.“
Nach dem er dies gesprochen hatte, lehnte Kandidat Meier sich zurück und betrachtete mit abschätzigem, etwas gehetzt wirkenden Blick die Herren Professoren.
Es war diesmal sein Lehrer, Herr Professor Winkelmann, der zuerst das Wort ergriff:
„Die Äusserungen des Prüflings über die mangelhafte Qualität seines Spiels muss ich leider bestätigen. Es mangelt hier sogar an den Grundlagen, wobei ich ebenfalls bestätigen kann, dass er sich zu Beginn seines Studiums durchaus begabt gezeigt hat, eigentlich habe ich ihn immer für recht talentiert gehalten – talentiert, aber letztlich doch nicht fähig, seine Begabungen umzusetzen.“
An diesem Punkt fühlte sich Professor Harzberg bewogen, einzuwerfen:
„Und diese Fähigkeit der Umsetzung ist es doch letztlich, die auf dem Weg zur Meisterschaft so entscheident ist. Nicht nur das Talent und ein vages Bemühen zählt, sondern durchaus der Erfolg – ich werde meine Unterschrift verweigern, und die Drohung des Kandidaten schreckt mich nicht.“
Es war Professor Eckholt, der, gemäss seiner Position, das vernichtende Urteil über das Ansinnen des Kandidaten Meier gab:
„Ich stimme meinem Kollegen zu – auch ich werde meine Unterschrift verweigern, und damit wäre das Dokument auch nicht gültig, selbst wenn sich – was ich allerdings bezweifeln möchte – einer meiner Kollegen zur Kooperation bereiterklären würde. Der Prüfling versucht hier nicht nur, seine katastrophale Unfähigkeit zu vertuschen, sondern auch noch seine Feigheit, wobei er offenbar geneigt ist, eines durch das andere zu rechtfertigen. Seine Geschichte löst bei mir ein gewisses vages Bedauern aus – Überzeugungskraft hat sie jedoch keine.“

Kandidat Meier nahm das Urteil der Kommission scheinbar gelassen hin - dann aber griff er in einer unkontrollierten, hektischen Bewegung zu seiner Waffe, zielte auf die vor ihm sitzende Kommission und drückte mehrmals in schneller Folge auf den Auslöser.

Leider aber zeigte sich, dass er es versäumt hatte, die Waffe mit Munition zu füllen – ausser einem leichte Klicken im Lauf geschah nichts, und nach einem weiteren kurzen, ebenso verzweifelten wie sinnlosen Versuch, seinen Plan in die Tat umzusetzen, liess Kandidat Meier die Waffe sinken und starrte mit leerem Blick zu Boden.

Hernach trat Herr Theodor Dülber, der sich bisher bedeckt gehalten hatte, auf die Bühne und nahm dem mit gesenktem Kopf dastehenden Prüfling die Waffe aus den zitternden Händen. Er ging herüber zu dem geöffnet Geigenkoffer, nahm aus dem Seitenfach die Schlüssel heraus und entriegelte den linken Seitenausgang.
Die Komission verliess daraufhin einer nach dem anderen schweigend den Saal – das Examensprotokoll hatten sie ausnahmslos mit „ungenügend“ gezeichnet, mit einerm kurzen Hinweis auf das unbotmässige Verhalten des Kandidaten Meier – Professor Erkholt hatte hierzu persönlich eine Notiz gemacht.

11.01.2007, Thema: 'Rot':

- Jemand halte mich (Ellen Bonte)
- Schonung (Ellen Bonte)
- Genau so (Ellen Bonte)
- Rot (Christian Haps)
- Sonntag (Christian Haps)

Ellen Bonte
Jemand halte mich

halte mich an
halte mich auf

halte mich in Deinen Armen
aber

halte mich
für mich

Schonung

Das Erwachen ist unerwartet. Die Bilder verschwinden jäh. Dennoch schien ihm der Traum darauf hingearbeitet. Die ersten Momente zurück in der Zeit verbrachte er mit Blinzeln. Während seine Augenlider zueinander fanden, entdeckte er sich wieder, barg seine Erinnerungen, erntete seine Wirklichkeit, bis er gänzlich hergestellt und orientiert. Zugleich vergaß er im selben Moment, dass es diese Verwirrung je gegeben hatte.

Mit dem Vergessen verschwand der Traum und seine Geschichte, die vielleicht bedeutsam wäre, gewesen war für den Träumenden und sogar noch für den Erwachenden, jetzt aber duschte er und das Wasser floss über seine abermals geschlossenen Lider, glitt entlang an seiner Haut, kalt und nass und unerbittlich, weil er es wollte, weil er es so brauchte jeden Morgen.

Trist, der Blick aus dem Fenster seiner neuen Küche. Hier schmeckte der Kaffee bedeutungsschwanger. Er fühlte sich so modern und funktionstüchtig wie die durchstrukturierte Küchenzeile. Seine Haltung war die des Designertisches.

Sarah kam herein, küsste ihn. Flüchtig. Ihr Geruch an seiner Haut, unhaltbar aber erneuerbar. Er griff ihren Arm zog sie zu sich, obwohl sie sich bereits abgewandt hatte, hielt er sie fest. Sanft senkte sich ihr Gewicht auf ihn nieder, als sie sich auf seinen Schoß setzte. Er lehnte sich an sie. Sein Gewicht an ihrer Schulter, ihre Wärme mischte sich mit seiner. Er fühlte Tränen in sich hochsteigen. So könnte Glück aussehen.

Sarah stand auf und goss sich selbst Kaffee in eine neue Tasse. Die Feierlichkeit beginnender Gewohnheit. Sie saßen sich gegenüber. Es war ihre Küche. So würden sie viel hier sitzen, dachten beide unbestimmt erfreut und gleichzeitig geängstigt bei dem Gedanken.

Sie redete aufgeregt über unaufregende Dinge. Er lauschte ihrer Stimme, spürte die Erleichterung als mit der Luft, die ihre Worte zum Atmen brauchten, die Spannung wich. Sie hatte Josh und Nora eingeladen für den Abend. Gut, sagte er. Sie würden Kochen und Essen und Reden und Wein trinken. Gut, dachte er. Tatsächlich würde es schön werden.

Auf dem Weg zur Arbeit dachte er kurz an die Künstlichkeit von Glück. Die Menschen um ihn herum und ihre Freiheitsgrade. Ob sie sie ahnten? Vielleicht war es auch gerade die Kunstfertigkeit, das Leben zu erstellen, sich zurecht zu meißeln und gleichzeitig zu vergessen, dass man es sich zurechtgerückt hatte. Er würde heute mit Josh darüber reden. Dass er sich wie ein Objekt fühlte.

Ein Kontrolleur kam und neben ihm hatten wieder zwei keine Fahrscheine gelöst. Unwillig verfolgte er das Gezeter des Einen, die Resignation des Anderen. Sie hätten es wissen können. Auf dieser Strecke kamen sie oft. Abstoßend wie selbstherrlich und gierig die Augen der anderen Fahrgäste die Übeltäter bloßstellten und fallen ließen. Nur manchmal Mitleid.

Vor dem Bürogebäude legte er sich die Krawatte um den Hals und zog sie zu. Die leichte Enge rief ihm die Ordnung ins Gedächtnis. Er spazierte nicht mehr sondern schritt, einer von vielen als er eintrat, grüßte rechts links. Offensichtlich war es hier gleich geblieben, obwohl sein Leben sich verändert hatte. Wie damals als er sie kennen gelernt hatte.

Josh und er in einer Bar im Zentrum. Die beiden Frauen am Tisch links von der Theke. Den ganzen Abend über fliegende Blicke. Sie hatten die Beiden zum Tanz aufgefordert gleichwohl niemand tanzte und der Schuppen dafür nicht gemacht war. Jene ersten Berührungen und alles andere an die Peripherie gedrängt, ohne Existenzberechtigung in diesem Augenblick. Das Wissen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ihr Geruch und diese weiche Haut. Die Unverletzbarkeit, die er in diesem Moment gefühlt hatte und etwas Gemeinsames.

Der trächtig schlummernde Blick verließ ihn, als er sich ihm gewahr wurde. Der Monitor vor ihm. Was hatte er gewollt? Statik, Statik neu berechnen. Übliches Geschnatter von Kollegen im Flur, während er Rechnungen anstellt und ein Gefühl ihn überkommt. Löchrig, nicht greifbar, ein ausgefasertes Bedenken. Er würde nicht mehr zurückkönnen.

Josh hätte anders darüber gedacht. Würde er überhaupt darüber nachdenken. Josh war niemand, der seinen Ängsten Raum ließ. In dieser Hinsicht war Josh sehr vernünftig, wenn das vernünftig war. Die Zeiten in denen er hatte zu Wissen geglaubt, was vernünftig sei, hingen im Nebel. Seine logischen Schlüsse schienen Dinosaurier zu sein. Niemand gab einen Cent darauf, was hätte passieren sollen. Die Dinge gaben darauf acht, doch die Menschen interessierten sich nicht dafür. Die Verlässlichkeit der Dinge.

Seine Kollegin holte ihn zur Mittagspause ab, die sie in der Kantine verbringen würden. Nichts hatte er geschafft, aber kümmerte es ihn?. Gelöst stieg er in das Gerede ein, mit dem sie über ihn hereinbrach, und vergaß. Wetterchaos, Taifune an unbescholltenen Orten, Fusionen, neue Versionen alter Programme, bloß nicht die Sprachlosigkeit, das Ungewisse.

Der Kantinenraum roch fad nach Essen, das zu lange in Töpfen vor sich hingedunstet hatte. Sie stellten sich in die Menschenschnur und wurden langsam aufgefädelt bis sie am Ende mit einem Tablett wieder ausgespuckt wurden und zu einem Tisch eilten. Andere Kollegen saßen dort mit kauen und Gesprächen über die anstehende Arbeit beschäftigt. Er hörte zu und ließ beiläufig Kommentare ab. Zerkaute sein Unwohlsein und schluckte es runter mit ausdruckslosem Gesicht. Wohin auch damit?

Wirklich konnte er danach besser arbeiten. Zufrieden nahm er wahr wie die alte Faszination zu ihm zurückkam und damit auch die Konzentration. Zügig drang er vor, bewaffnete sich mit Lösungsvorschlägen, die er in der morgigen Projektsitzung würde anwenden können. Mit dieser präzise ausgearbeiteten Argumentation würde er bis zum nächsten Quartal Rückendeckung haben.

Sarah hatte aufgeräumt und die letzten Kisten standen sauber zusammengefaltet im Flur. Panik ergriff ihn, aber er verscheuchte sie indem er seine Jacke schwungvoll über die braunen Kartons warf und sich an seinen Hunger erinnerte. Kraftvoll schritt er aus und rief ihren Namen, hörte sie antworten, stieß die Tür zum Wohnzimmer auf und sah sie am Boden sitzen, umgeben von Fotos. Sie lächelte. Komm, sagte sie und zog ihn sacht an einem Finger, wie es ein Kind tun würde. Ihre kleine Hand.

Er kniete sich vor sie, begann sie zu küssen, angezogen von der Verletzbarkeit. Sie beugte den Kopf nach hinten und zusammen suchten sie Halt am Boden, stützten sich für den anderen ab und fanden sich auf dem Parkett wieder. Er küsste ihren Hals und ihren Puls, der ihm wie eine Garantie erschien, dass alles wahr sei. Sie liebten sich und er flüsterte ihren Namen als könne das ihm die Gewissheit geben, dass es morgen auch noch so sein würde.

Das Aufblitzen der Umgebung, die zerstreuten Bilder auf einem Haufen, das Sofa. Erschrocken merkte er, dass er wütend in sie eindrang, dort auf dem Boden. Er suchte ihren Blick, verborgen unter geschlossenen Lidern. Er schrie. Sarahs Wimpern, die sich erhoben. Ein Flügelschlag lang keine Welt mehr.

Genau so

Kennenlernen improvisieren
Zwischentöne interpretieren

Etwas in dem andern finden
Angst bekommen, er könnt verschwinden

Ref.: Und Du lachst und sagst,
du wärst nicht so wie ich's mir denke
dabei will ich Dich doch so wie Du bist

Die Traumbilder,
die kann ich mir auch schenken
ich will dich genau so
wie Du

Wiedersehen herbeibeten
Neuland unsicher betreten

weich in den Knien
anziehen ausziehen

Ref.: Und Du lachst und sagst
du wärst nicht so wie ich's mir denke
dabei will ich dich doch so wie Du bist

und Du lachst und sagst,
Du wärst nicht so wie ich's mir denke
dabei will ich dich genau so wie Du

genau so
genau so
genau so


Christian Haps
Rot

Lang war sie, die Zeit. Lang, gemütlich und auch von einer nicht von der Hand zu weisenden Trägheit. Die Zeit nämlich, die ich regelmässig in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr auf dem Sofa meiner Eltern verbrachte. Sämtliche vermeidbaren Tätigkeiten wurden in dieser Phase vermieden, meine Handlungen beschränkten sich auf Essen, Schlafen sowie das gelegentliche Bespassen meiner Nichten und Neffen. Ein angenehmer Zustand, sollte man meinen, und nichts, was ich im Folgenden mit zitternder Hand niederschreiben werde, soll dieser Auffassung zu widersprechen geneigt sein – im Gegenteil.
Dennoch, meine Erfahrungen aus den letzten Jahren liessen mich, nach dem Dahinstreichen des harten Kerns der Feiertage, die über jede Änderung ihres Status Quo selbstverständlich erhaben sind, in diesem Jahr einen Entschluss fassen: ich würde mich zu einem Spaziergang aufmachen. Um zu vermeiden, dass ich spätestens am Sylvesterabend einen somnabulisischen Trancezustand erreicht haben würde, der dann sogar mir zu träge ist, um für die am selben Abend geplante Party zumindest ein Minimum an psychischer Präsenz zu zeigen, und um ganz allgemein dem sich breitmachenden Vorurteil entgegenzuwirken, dass "Frischluft" das Gegenteil von "Weihnachten" sei, raffte ich mich am 27. Dezember um Punkt 17.30 Uhr auf, griff entschlossen nach Schuhen, Mantel und Mütze und stand, eh ich mich versah, draussen in der Dunkelheit.
„Brr!!“ - wobei, ich erinnerte mich, dass es in diesem Jahr ja gar nicht kalt, sondern im Gegenteil erstaunlich mild war – auf den Weichei-November mit blühenden Krokussen und frühlingshaften Temperaturen, den ich so genossen hatte, war nahtlos ein ebensolcher Winter gefolgt. Also kein „Brr!“, um so besser.
Gemütlichen Schrittes schlenderte ich die Strasse entlang, mein Brustkorb hob und senkte sich und füllte mit belebender Regelmässigkeit meine freudig überrascht dreinschauenden Lungenflügel mit frischer Luft.
Dieser Spaziergang stellte sich als eine fantastische Idee heraus, ich beschloss, ihn von jetzt an in jedem Jahr durchzuführen, am besten an genau diesem Tag zu genau dieser Uhrzeit.

Inzwischen hatte ich das erreicht und hinter mir gelassen, was in unserem kleinen Städtchen die Bezeichnung „Innenstadt“ trägt, und ich spazierte eine etwas abgelegenere Strasse entlang, die für mich aber um so erinnerungsträchtiger war. Zu meiner Rechten lag meine alte Grundschule, noch immer umrundet von dem gleichen verträumten Mäuerchen wie vor – hmm, wie vor mittlerweile tatsächlich 25 Jahren. Eine gewisse Wehmut überkam mich, die auch durch den direkt vor mir stehenden Neubau nicht getrübt wurde – irgendetwas musste sich ja verändern, in einer so langen Zeit.
Ich fühlte mich zurückversetzt in die Zeiten meiner frühesten Kindheit, ein kleiner Knirps mit einem zerbeulten Schultournister. Das Mäuerchen an meiner Seite schien höher geworden zu sein, ich wartete wie früher ungeduldig auf die Zeit, in der ich gross genug wäre hinaufzusteigen und auf ihr entlang zu balancieren.
Aber wenige Schritte später lag das Schulgebäude bereits hinter mir, schon merkte ich, dass ich langsam wieder in meine vertraute Erwachsenenwelt zurückkehrte, als eine alte, längst vergessen geglaubte Angst von mir Besitz ergriff: Vor mir – nur noch knapp hundert Meter entfernt – lag ein schmaler, nur spärlich beleuchteter Seitenweg. Eine Abkürzung, die ich früher regelmässig benutzt hatte – eigentlich gegen meinen Willen, war doch der normale Weg über die Strassen für meine kurzen, unsicheren Beine unüberschaubar weit gewesen.
Gegen meinen Willen deshalb, weil das Passieren dieses Weges seit jeher mit einer grossen Gefahr verbundenn gewesen war – eine kleine Hofeinfahrt, ein nur hüfthoher Metallzaun, der nur all zu oft offen stand – ein kleines, unauffälliges Schild an der Garagenwand, weisse Schrift auf rotem Hintergrund: „Warnung vor dem Hund“.
Heute musste ich natürlich über meine damalige, kindliche Angst schmunzeln – hatte man denn jemals gehört, dass auch nur ein Kind von eben diesem Hund gebissen worden war? Mir fiel sein Name ein: Aros, ein kleiner, bulliger Boxer mit vorstehenden Beisszähnen und dem für seine Rasse typischen Gesichtsausdruck. Im Grunde war es ja nur sein lautes Gebell, dass uns solche Angst eingejagt hatte – vielleicht war es ja sogar freundlich gemeint gewesen? Ich näherte mich dem Eingang des Seitenweges und schaute interessiert in Richtung der bewussten Einfahrt, die aus meiner jetzigen Position heraus aber selbstverständlich noch von einer Reihe hochgewachsener Ziertannen verdeckt wurde. Früher war ich diesen Weg nur mit klopfendem Herzen und schweissnassen Händen gegangen – heute war das natürlich etwas anderes.
Allerdings war es wirklich blöd, dass man von hier aus noch nichts sehen konnte! Ich ging zum rechten Wegrand herüber, um mein Blickfeld nach links ein wenig erweitern zu können – mir fiel ein, dass ich genau denselben Trick früher auch immer probiert hatte – im Übrigen genauso vergeblich wie heute. Wie alt dieser Hund heute wohl sein mochte? Knapp 25 Jahre war das alles her – und mit einem Male musste ich über die Albernheit meiner Nervosität lachen: Bekanntermassen stehen sieben Hundejahre einem Menschenjahr gegenüber, ich musste mir also nicht mal die Mühe machen, die genaue Zahl auszurechnen, um zu wissen, das Aros schon vor langer, langer Zeit gestorben sein musste. Ganz bewusst kehrte ich wieder auf die Mitte des Weges zurück – um die Sache völlig klar zu machen.
Einen Augenblick später tauchte die Einfahrt vor mir auf, und ich musste nochmal lachen: nicht nur, dass Aros längst verstorben war – Ruhe er in Frieden, fügte ich der Pietät halber hinzu – offenbar war es seinem Besitzer ähnlich ergangen, oder er war weggezogen, oder hatte zumindest gründlich seinen Lebensstil verändert: Dort, wo früher eine harte, graue Garagenwand gewesen war, leuchtete mir jetzt ein freundliches Gelb entgegen, überdeckt von aus liebevoll angebrachten Blumenkübeln herabhängenden Zierpflanzen. Auch von dem gefürchteten Metallzaun sah ich nichts mehr – klar, nach einem gewissen bedauernswerten traurigen Ereignis war er unnötig geworden. Ich ging weiter und betrachtete den kleinen, gemütlichen Innenhof, der sich vor meinen Augen auftat. Ich merkte nicht, wie die Geräusche der Natur um mich herum verstummten, wie es plötzlich totenstill wurde. Ich war mittlerweile soweit vorangekommen, dass ich, wenn ich den Kopf zurückdrehte, jetzt auch die Hinterseite der Einfahrt einsehen konnte. Ein plötzlicher Schreck durchfuhr mich, als ich den weit geöffneten Torflügel sah – der Metallzaun war noch da, unverändert, nur stand er soweit offen, dass ich ihn erst jetzt sehen konnte. Himmel, dachte ich, wenn ich das vorher gewusst hätte... Aber, wie war das noch – 25x7, würde ungefähr....
In diesem Moment hörte ich ein leises, aber sehr eindringliches Knurren aus dem hintersten Winkel der Einfahrt dringen. Mein Herz blieb stehen, als ich die gedrungene, mir wohlbekannte Gestalt auf mich zuschnellen sah...
25x7, das wären – auf jedenfall gut über 100, und zwar...
Vielleicht hätte ich eine Chance gehabt, wenn ich sofort die Beine in die Hand genommen hätte, wie damals als Schuljunge. Jetzt aber hatte ich die Vermessenheit gehabt, stehenzubleiben, in dem festen Glauben, dass nach 25 Jahren, also 25x7, was dann sogar über 150 wären...
Anstatt davonzulaufen stand ich da und rechnete, während zwei muskulöse Vorderpfoten vor meinen Brustkorb stiessen und mich zu Boden warfen...
25x7, und die Jahre, die er vorher schon auf dem Buckel gehabt haben musste, dachte ich verzweifelt.
Sein Gesicht tauchte vor mir auf, dieses gedrungene, bösartige Gesicht mit den weit vorstehenden Vorderzähnen, die sich jetzt langsam meiner Kehle näherten.
25x7 sowie schätzungsweise zwei Jahre, also 27x7, dachte ich.
Ich roch den heisssen Atem der wütenden Bestie über mir.
„Einhundertneunundachtzig!“ wollte ich noch schreien, aber ich kam nicht mehr dazu, weil sich kraftvolle Zähne gierig in meine Kehle zu bohren begannen und sich mein Blickfeld schnell mit dunkelrotem Blut füllte.

(Dann wachte ich auf, erhob mich vom Sofa und machte mit einer schnellen, gezielten Bewegung das grosse Wohnzimmerfenster auf, bevor ich mich mit klopfendem Herzen wieder schlafenlegte.)

Sonntag



1.

Der Tag brach mit einer Übelkeit erregenden Mischung aus Lärm, schmutzigem Licht und einem nur allzu wohlbekannten Gestank auf ihn herein – mal wieder. Er machte sich nicht die Mühe, zu versuchen, eine Erinnerung an den letzten Abend aus seinem schmerzhaft pulsierenden Kopf herauszusaugen – was sollte es bringen? Er war hier, lag in Jeans und karriertem Hemd auf seinem schlampig bezogenen Bett und der Geruch von Erbrochenem stieg ihm in die Nase – das sagte genug; mehr wollte er gar nicht wissen.
Er gähnte noch einmal, dann stand er auf und warf einen angewiderten Blick auf seinen vollgekotzten Teppichboden.
“Scheisse!”
Dabei war der Geruch von seinem letzten Absturz noch nichtmal vollständig verschwunden gewesen – was sollte nur aus einem Tag werden, der so anfing? Draussen auf dem Etagenflur musste irgendwo ein
Putzeimer mit einem alten Aufnehmer stehen. Er sah kurz in den Spiegel, der über dem kleinen Waschbecken hing, das neben der Eingangstüre seines kleinen Einzimmerappartements angebracht war: Hackfresse – dabei sah er, wenn man seinen Zustand berücksichtigte, heute eigentlich gar nicht so
schlecht aus. Sein dünnes, fettiges Haar fiel ihm nicht platt in die Stirn hinein, wie sonst, wenn er es
gewaschen hatte, wodurch seine blauen Augen und seine markante Nase besser zur Geltung kamen. Eine Ironie, dass er immer dann gut aussah, wenn er sich eigentlich beschissen fühlte.
Er öffnete die Wohnungstüre und ging schwankend auf den Flur hinaus – keine heftigen Bewegungen, ihm war immer noch übel. Erst jetzt machte er sich Gedanken darüber, wie spät es wohl sein mochte –
es war noch fast dunkel draussen, also wohl so etwa 5 Uhr morgens. Offenbar hatte er nur sehr kurz geschlafen. Aber gut, so würde ihm jedenfalls keiner der anderen Mieter dabei zusehen, wie er verkatert und und übellaunig über den Flur stampfte. Besser so.
Er nahm den Eimer, der wie immer hinter dem Vorhang am Fenster stand, ging zurück in sein Zimmer und begann, die Spuren der letzen Nacht zu beseitigen. Dann spülte er ihn im Waschbecken aus und stellte ihn erstmal neben den Kleiderschrank auf den Boden – zurückbringen konnte er ihn später, erstmal würde er sich wieder schlafen legen. Es war Sonntag – also keine Schicht heute.

2.

Was sie wohl dachten, wenn sie so an ihr vorbeiliefen? Die meisten warfen ihr wenigstens einen kurzen Blick zu, bevor sie sich wieder eines besseren besannen und wohlerzogen geradeaus schauten.
Lüsterne, verlogene Schweine, dachte sie. Diese abfällige Blicke, aber dann spät nachts, wenn Frau und Kind sicher verstaut in ihren Betten lagen, zu ihr kommen und mal eben eine schnelle Nummer im Auto schieben. Strassenhure – viel tiefer konnte man wohl nicht sinken, und die meisten ihrer Freier liessen sie das deutlich spüren.
Jetzt gerade kam wieder eine zu ihr herüber, glotzte, und stellte sich dann wie zufällig vors nächste Schaufenster. Alles für den Modellbau – völlig klar, du Idiot.
“He, Süsser! So allein heute abend?”.
Der älteste Spruch, aber der zog immer noch am besten. Der Idiot schaute kurz zu ihr rüber, tat dann aber so, als ob er sie nicht gehört hätte.
“30 Euro, für 40 darfst Du sogar zweimal rann!”
30 Euro? 30 Euro. Das Geschäft war hart geworden...
Jetzt endlich drehte er sich um und kam langsam auf sie zu – na also.
“30 Euro, für eine Stunde. Wofür hältst Du Dich – für Cindy Crawford?”
Cindy Crawford würde einen notgeilen Versager wie Dich nicht mal für 30 Millionen ranlassen, dachte Sie – aber sie wusste, wenn sie mit solchen Sprüchen erstmal anfing, könnte sie einpacken – einpacken
und dann unter der Brücke schlafen, wie letztes Jahr, als ihre Neurodermitis wieder ausgebrochen war und sie kurzfristig ihre Wohnung verloren hatte.
“35, Süsser, und Du wirst diesen Abend nie vergessen...”
Offenbar reichte es ihm, ihr die fünf Euro abgerungen zu haben – nötig hatte er es nicht, dass sah man deutlich an dem teuren Jacket und den ledernen Designerschuhen, die er trug. Aber von einer billigen Nutte wie ihr liess sich ein anständiger Mann wie er doch nicht den Preis vorschreiben.
Er fasste sie am Arm und zog sie herüber zur nächsten Strassenecke, wo sein Auto stand – Mercedes S-Klasse, augenscheinlich ein Neuwagen.
“Komm rein und mach keine Zicken. Und mach mir bloss keine Flecken auf die Polster.”
Das, und der goldene Ehering an seinem Finger.
Noch zwei Kunden, dann würde sie ihr Soll für heute erfüllt haben.

3.

Das zweite Aufwachen war etwas besser. Zwar brummte ihm immer noch der Schädel, aber wenigstens war ihm nicht mehr so speiübel wie beim ersten Mal. Er verspürte sogar einen gewissen Appetit. Er schaute auf seine abgeschlissene Armbanduhr – Viertel vor fünf, abends. Kein Wunder also, das er Hunger hatte.
Er brauchte nicht erst in den Kühlschrank zu schauen, um zu wissen, dass er keine Vorräte mehr hatte – das Frühstück musste also ausfallen. Würde er eben an der nächsten Bude einen Döner essen gehen – spät genug war es ja.
Er warf sich seine zerlumpte Jeansjacke über die Schultern und lief polternd die schmutzige Flurtreppe hinab. Draussen empfing ihn mieseliges, unangenehm kaltes Oktoberwetter. Der Vorsatz, noch einen
Spaziergang zu machen und sein Mittagessen an einem etwas ausserhalb gelegenen Stand zu besorgen, schwand dahin – er würde zum Istambul-Grill
zwei Strassen weiter gehen. Und danach vielleicht wieder schlafen – heute war eh nichts los, die Strassen waren leer bis auf ein paar einzelne Muttis, die
mit blöde entrücktem Lächeln ihre Kinderwagen durch die Gegend schoben. Sonntag eben.

4.

Wieder die gleiche Strassenecke wie vor drei Stunden. Der Idiot mit dem Mercedes war nachher richtig ätzend geworden, hatte sie schlagen wollen. Sie hatte Glück, dass sie überhaupt ihr Geld bekommen hatte. 35 Euro für einmal einen anderen Menschen wie den letzten Dreck behandeln dürfen – ein Spottpreis, eigentlich. Der nächste war auch nicht besser, hatte sie erst mit seinem Auto zu seiner Wohnung gefahren, ihr freundlich und zuvorkommend ein Glas Wasser angeboten, um ihr dann zu eröffnen, dass er auf ihre Brüste urinieren wolle – dabei hatte sie gesagt, dass diese Dinge für sie tabu waren. In solchen Momenten fürchtete sie, dass ihr all das eines Tages einfach zu viel werden würde, und sie fragte sich, wie es dann wohl weitergehen würde.
Erstmal aber stand sie wieder hier, ihr Gesicht verdeckt unter einer dicken Schicht billiger, aufreizender Schminke, und hielt Ausschau nach dem letzten Kunden für heute.

5.

Träge stützte er sich mit dem linken Ellbogen auf den weiss gestrichenen Metalltisch, der am Fenster der Imbissstube stand. Während er mit mässigem Appetit an einem zweitklassigen Dönerburger herumkaute, betrachtete er die Leute, die auf beiden Seiten der Strasse an ihm vorbeiliefen. Neben den zu erwartenden entrückten Muttis traf man auch vereinzelte Pärchen – es hatte zu regnen aufgehört, und sie nutzten diese Gelegenheit zu einem Spaziergang, romantisch und engumschlungen – ebenfalls nicht der richtige Anblick für einen verkaterten Sonntag Nachmittag.
Ein Stück weiter hinten, direkt neben einem Fachgeschäft für Modellbau, stand eine von diesen billigen Strassenhuren – aufgedonnert wie ein Weihnachtsbaum in einer amerikanischen Kitsch-Schnulze. Das sie sich nicht schämte – wobei, wenn er an seinen Tag heute dachte, sollte er sich solche Sprüche vielleicht lieber sonstwo hinstecken. Ausserdem – jetzt, wo er sie näher betrachtete, merkte er, wie traurig sie aussah. Wahrscheinlich schämte sie sich tatsächlich.

6.

Irgendwie lief es heute nicht. Sie hatte vorgehabt, rechtzeitig zuhause zu sein, um in Ruhe vor dem Fernseher zu Abend essen können – ein Rest Wochenende, sozusagen. Aber mittlerweile war es spät geworden, ihr Magen knurrte, und ausserdem taten ihr die Füsse weh nach dem langen Stehen. Würde sie halt zur Pommesbude gegenüber gehen und da zu Abendessen – eine Currywurst, oder einen Bigmac.
Während sie die Strasse überquerte, fragte sie sich, was sie in den Augen der Passanten jetzt wohl darstellte – war sie immer noch die Nutte vom Strassenrand, oder war es ihr vielleicht gelungen, ihren Beruf an ihrem Standplatz zurückzulassen, um wenigstens für die Zeit ihrer Essenspause so etwas wie ein Mensch zu werden? Sie dachte an ihr grelles, dickes MakeUp,
an ihre hohen Stiefel, die enge Hose und die überdeutlich weit ausgeschnittene Bluse – dann warf sie einen Blick auf die Gesichter der
seligen Muttis mit ihren Kinderwagen und verwarf diesen Gedanken wieder. Und zog sich wieder auf ihre Gleichgültigleit zurück – abendessen, noch irgendso ein lahmarschiger Freier, und dann nach Hause ins Bett. Sollten die Leute doch denken, was sie wollten.

7.

Als er sie über die Strasse auf sich zukommen sah, dachte er zuerst, sie hätte seine Blicke bemerkt.
Deshalb wollte er schon wegschauen, ihm war nicht nach einer schnellen Nummer für billiges Geld zumute. Dann aber bemerkte er, dass sie ihn gar nicht ansah – sie wirkte im Gegenteil abwesend und völlig gedankenverloren. Einen Moment lang schien es, als sähe sie eines der an ihr vorbeirasenden Autos nicht – er verkrampte sich auf seinem Stuhl, wobei es sowieso zu spät gewesen wäre, ihr zu helfen – aber dann blieb sie doch noch rechtzeitig stehen. Er sah, dass sie den Mund öffnete, wohl, um dem Fahrer hinterherzurufen – hören konnte er nichts, die Türe der Imbissbude war jetzt im Oktober natürlich geschlossen.
Einen Moment später hatte sie die andere Strassenseite erreicht, schob die Türe auf und betrat den lieblos dekorierten Verkaufsraum – er sah, wie sich ihr Körper entspannte, sobald sie ins Warme gekommen war. Ihm
wurde bewusst, wie durchgefroren man sich fühlen musste, wenn man bei
diesem Wetter draussen auf der Strasse stand – stundenlang, mit der knappen, viel zu dünnen Kleidung, die ihr Beruf ihr aufzwang.
Sie bestellte ein einfaches Standardmenu, setzte sich ein Stück weit von ihm entfernt an einen unbesetzten Tisch und schaute mit stumpfem, teilnahmslosen Blick aus dem Fenster. Wieder fiel ihm auf, wie traurig dieses Gesicht aussah, das sie so sorgfältig hinter einer dicken Schicht Schminke zu
verstecken versuchte. Er zögerte einen Moment, dann stand er auf, bestellte an der Theke zwei heisse Tassen Kakao und setzte sich zu ihr.

8.

Sie sah den dampfend heissen Pappbecher erst, als er direkt vor ihr stand.
Verstört blickte sie auf und sah in das Gesicht des übernächtigt aussehenden Mannes, der sich gerade zu ihr gesetzt hatte – ihr erster Impuls war es, den Typen mit irgendeiner patzigen Bemerkung zu verscheuchen – wenigstens beim Essen wollte sie ihre Ruhe haben. Dann aber entschied sie sich doch
dagegen – der heisse Kakao war genau das, was sie im Moment brauchte, und was sie sich nur aus Gründen der Sparsamkeit, die sich sich momentan nunmal auferlegen musste, nicht selbst gekauft hatte. Ausserdem fühlte sie sich zu müde, um irgendeinen unnötigen Streit vom Zaun zu brechen. Und,
schliesslich, sie war ja nach wie vor auf der Suche nach ihrem letzten Kunden für heute.
“Vielen Dank...”
Mehr fiel ihr nicht ein. Sie legte ihre Hände, die immer noch rot von der Kälte draussen auf der Strasse waren, um den dampfenden Becher und hielt dem Blick ihres Gegenübers stand.